Monatsarchiv: April 2013

Subtiles Dickenbashing

Kaufe ich mir eine Tageszeitung (und das tu ich fast immer), lese ich besonders gern die kleine Kolumne im Lokalteil, benannt nach der Hannöverschen Bierspezialität

Lüttje Lage vom 29.04.2013:
„Forever young“ (hier nur in der Zusammenfassung)
Der/die Autor(in) wird bald 50, ist aber so was von durch mit dem Jammern und sooo abgeklärt,
dass es ihr/ihm nichts ausmacht, dass sie/er sich jünger fühlt. Sie/Er begründet das damit, dass er/sie mit den Jungen gut klar käme, dass er/sie mp3 fehlerfrei
buchstabieren könne (meine Worte, nicht ihre/seine) und Facebook „von meinen intelligenten Posts“ lebe … *ja, feiere dich man, tut ja sonst keiner*

Außerdem fühle sie/er sich eher wie 30, bis auf die Falten, vom
Musikgeschmack wie 25, nur dass sie/er persönlich die Sängerin von Gossip zu
dick fände.
WHAT? Nein, es geht mir hier nicht darum, ob die junge Dame jenseits des BMI-Normbereichs liegt.

Es ist wieder ein hübsches Beispiel für Dickenbashing. Hier geschickt
versteckt hinter dem persönlichen MUSIKgeschmack .. Was MUSIK mit dem
Aussehen der Sängerin zu tun hat, wird sich mir in diesem Leben nicht mehr
erschließen! Es ging hier doch um MUSIK – nicht um Körperidole!

Es ist kein Anzeichen von Abgeklärtheit, hier das Aussehen eines
Menschen anzuführen, wenn es doch um seine Stimme geht. Ich kann den
Autoren  (die Autorin) also beruhigen –  von Alterabgeklärtheit hat sie/er
nichts – eher etwas von der Einstellung (weiter verbreitet unter jüngeren Menschen, und Männern in der Midlife-Crisis), dass das Äußere eines Menschen wichtiger sei als seine Leistung.

Schade eigentlich. Manchmal ist Erwachsenwerden doch vorzuziehen.

Oder um meine Lieblingsantwort darauf zu geben: Beth Ditto ist dick, das sagt sie auch selber von sich, aber sie könnte abnehmen (wenn sie das wirklich wollte). Die/der Kolumnenautor/in beweist einen sozialen Intelligenzquotienten unterhalb der Raumtemperatur (was zur Zeit nachts ganz schön kühl ist) . Schade, dass es dafür keine Diät gibt. FAIL! Um es mal „hip“ auszudrücken.

Und ja – ich werde auch immer wieder von Leuten für mein Aussehen angepöbelt, wenn mein einziges Verbrechen ist, dass ich es wage, ihnen vor die Augen zu kommen. ABER – ACHTUNG: Wir schlagen zurück! Nicht mit Dünnen-Witzen – die wären mir zu dünn( also, ich meine natürlich die Witze) – wir schlagen dahin, wo es wehtut! (Natürlich meine ich keine körperliche Auseinandersetzung, tststs, ich bin doch alt und altersweise 😛 )

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inhannover wird auch gelesen

Zum einen natürlich wird dieser/s Blog hier gelesen – von Euch – DANKE mal dafür. Ein Blog ohne Leser ist ein Blost .. ein blog-ghost.

Aber eigentlich meine ich natürlich, dass hier in der Stadt auch gelesen wird. Ich selber tu’s gern – allerdings bin ich noch ein old-school-Anhänger – ich brauche ein BUCH.

Im Nahverkehr hier in der Stadt halten sich die old- und die new-school-Anhänger die Waage – man sieht immer noch viele Bücher, aber immer wieder auch Leute, die mit Hilfe eines Tablets oder eines e-book-readers ihre Lektüre konsumieren. Es gibt für beides gute Gründe. Old-schooler brauchen das Haptische, brauchen das Rascheln beim Umblättern, wollen ein schönes Cover oder lieben es einfach, am Weg des Lesezeichens durch das Buch zu sehen, wie weit sie vorangekommen sind. Old-schooler sind aber auch Leute, die gern ihre Bücher mit anderen teilen, oder auch mal echte Bibliophile – davon gibt es immer weniger – die Hardcover kaufen, Regalwände füllen und am liebsten eine ledergebundene Bibliothek daheim hätten. (Gibt es ja schon Tapeten für!)

Die New-Schooler sind zu einem kleinen Teil die, die immer alle technischen Gadgets ausprobieren, aber die nicht wirklich viel lesen damit. Die meisten benutzen e-book-reader wegen des reduzierten Gewichts, weil man dann (z.B. im  Urlaub) wenig Platz und Gewicht für Lektüre reservieren muss. Auch die, die im Nahverkehr viel Zeit mit Lesen verbringen, mögen die kleinen Maße, die leichte Handhabbarkeit (schlägt sich immer auf der letzten gelesenen Seite auf), das geringe Gewicht – und dass es weniger Probleme mit Schäden am Buch gibt (Knicke und Risse gehören der Vergangenheit an, aber ich würd mich nicht darauf verlassen, dass ein e-Book-reader eine ausgelaufene Trinkflasche besser übersteht als ein klassisches Buch – das trocknet man hinterher und liest es in gewelltem Zustand weiter).

Ich bin mehr der haptische Typ, ein Buch muss sich anfassen lassen, ich muss es auch mal wegwerfen können (wenn es grottig ist), nicht einfach löschen, das ist nicht dieselbe Befriedigung – und ich mag es, dem Lesezeichen bei seiner Wanderung durch das Buch zuzusehen – damit kommt die Fortschrittsanzeige beim Reader einfach nicht mit. Außerdem liebe ich Lesezeichen (Lesezeichenkalender sind hervorragende kleine Zusatzgeschenke und schon ab Juli erhältlich für das nächste Jahr, aber auch andere Lesezeichen sind immer wieder überraschend kreativ).

Eines der letzten Bücher, das ich gelesen habe, war „Er ist wieder da„(Da einige Blogleser noch das Buch von mir leihen und lesen wollen, gehe ich jetzt nur sehr grob auf den Inhalt ein.)

Ein Roman über Hitler, der im Sommer 2011 in einem Berliner Innenhof aufwacht, in Nazi-Uniform, und zum Comedy-Star avanciert, weil er einfach ausspricht, was Hitler in dieser modernen Welt aussprechen würde – und ihn keiner ernst nimmt.

Das Buch ist perfide. Es ist in Hitlers Ich-Perspektive geschrieben – und manche Dinge, die Hitler stören, reißen jetzt mich auch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin (tag-Schmierereien an Hauswänden sind da so ein Beispiel). Aber WER WILL SCHON HITLER ZUSTIMMEN?? ICH nicht.

Glücklicherweise löst der Autor das Dilemma, in das er mich bringt, halbwegs auf: Er lässt Hitler dann in der Folge so unmögliche Reaktionen darauf denken, dass ich mich als Leser wieder distanzieren kann. Aber ein kleiner Rest Unbehagen bleibt. Wäre ich zwischen 1933 und 1945 wirklich ein Nein-Sager gewesen?

Mein Selbstbild schwankt da noch … Und dabei habe ich eindeutig den notwendigen Widerspruchsgeist, eine eindeutige politische Stellung, die sich nicht mit Nazi-Ideologie verträgt – und kenne wenig Angst. Auf Brutalität und Einschüchterungsversuche reagiere ich eher mit Wut. Jedenfalls sobald eine gewisse Nichtigkeitsschwelle überschritten wird – darunter lache ich alles weg. Aber wie weit hätte mich der demagogische Apparat jener Zeit zur Zustimmung bekommen – ohne Druck? Wie sehr hätte ich mich von einem „Ordnungs“-Gebrülle beeinflussen lassen? Die Frage bleibt unbeantwortet. Zumal ich in jenen Zeiten nicht die wäre, die ich heute bin – bin ich doch in den 70ern und 80ern groß geworden und zum kritischen Hinterfragen in der Schule erzogen worden. Das wäre ja weggefallen.

Es ist ein gutes Buch, denn es bringt mich zum Nachdenken.

Den heute schreienden Demagogen kann ich jedenfalls widerstehen – dazu mag ich die bunte und chaotische Vielfalt des Lebens viel zu sehr.

Übrigens – ich habe es in der gebundenen Ausgabe gekauft – da kostet 1933 Cents. Das ist mir beim Kauf damals nur als „krumme Summe“ aufgefallen – gerade beim Artikelschreiben fällt es mir dann doch noch ins Auge.

Zurück zum ÖPNV-Leser – ja, dort wird viel gelesen – doch immer mehr vor allem jüngere (zwischen 14 und 25) Menschen haben auch einfach nur ein Smartphone vor der Nase und lesen Mails, Statusmeldungen, beteiligen sich an Chats … Wo früher eindeutig die Leser von Büchern auch noch diese Altersgruppe abgedeckt haben – und nicht alles waren nur Harry Potter und andere Fantasy-Bücher.  Bei dieser Altersgruppe ist Facebook so wichtig geworden, dass für andere Books keine Zeit mehr bleibt – nicht mal auf dem Smartphone gelesen. Was ja möglich ist. Doch AUSSCHLIESSLICHE Smartphone-Nutzung kann ich auch da nicht feststellen. Sogar ein analoges Buch sehe ich manchmal in den Händen dieser Altersgruppe – nur sind es halt deutlich weniger als sagen wir mal vor 5 bis 10 Jahren.

Nachrichten sind schlecht

Ein Guardian-Artikel hat die Thesen von Rolf Dobelli aufgelistet, warum Nachrichten schlecht für uns seien. Ich gebe hier stark verkürzt in Kursivschrift wieder, was im englischen Artikel stand – und meine Einwände gegen diese Thesen. Eine These gilt nach wissenschaftlichen Standards als widerlegt, wenn ich ein Gegenbeispiel finde – falls ich mich richtig erinnere – wenn nicht, bitte korrigierend kommentieren.

Die Nachrichten führen in die Irre – weil man sich auf die „falschen“ Fakten konzentrieren würde, mit denen die Journalisten die Perspektive der Geschichte auf die falschen Dinge lenken.

Dem halte ich entgegen – wie oft hab ich bei einem Artikel schon hinterher gefragt, was denn nun mit … sei – man muss Nachrichten mit Verstand konsumieren.

Nachrichten seien irrelevant man solle einen Artikel benennen, nach dessen Lektüre man eine informiertere Entscheidung treffen würde.

Dem halte ich entgegen: Bio-Eier-Skandal, Pferdefleisch-Betrug, Öko-Sprit-Verträglichkeit für mein Auto. Ich habe schon von Leuten gehört, die nach einem Lebensmittelskandal ihre Ernährung auf Dauer umgestellt haben.

Nachrichten können nichts erklären. Ich weiß ja nicht, welche Nachrichtenquellen der gute Autor zu Rate zieht, ich bekomme in verschiedensten Medien eine Menge Hintergrund vermittelt. Aber vielleicht sollen Nachrichten auch noch nicht erklären, vielleicht reicht es ja, Leute zu irgendwas neugierig zu machen, damit sie selbst tiefer einsteigen in die Thematik. Die Nachrichten sind ja nicht unsere einzige Faktenquelle!

Nachrichten seien Gift für den Körper. Sie lösen Stress aus. Na, also ich finde die guten Nachrichten auf Huffingtonpost (s. Vorartikel) immer wunderbar entspannend. Aber vielleicht habe ich aufgrund meiner Lebensgeschichte auch nur gelernt, viel mehr Positives auch in schlechten Nachrichten zu lesen. Oder mich über die schlechten Nachrichten zu amüsieren, wenn ich ihnen nix Positives abgewinnen kann.

Nachrichten tragen zu Wissensfehlern bei. Weil man nur das in Betracht zöge, was die eigenen Thesen unterstützt. Der zweite Satz ist korrekt, man nennt es Selektive Wahrnehmung. Aber dies gilt für alle Faktenquellen – auch wenn ich  mir als Partei ein Gutachten erstellen lasse, erzähle ich hinterher, was alles im Gutachten steht, das meine Position stützt. Es ist also nicht Nachrichten-spezifisch. Dann muss ich jede Information von außen ablehnen.

Nachrichten stören das Denken. Weil sie angeblich die Konzentration stören. Nur, wenn ich mich nicht von ihnen lösen kann. Schließlich gibt es für Nachrichten und andere Ablenkungen einen Ausknopf an den Medien. Auch meine Zeitung kann ich lesen, muss sie aber nicht, wenn ich mich konzentrieren will.

Nachrichten sind wie eine Droge, wenn ich einmal einem Strang folge (alle Geschichten über ein bestimmtes royales Pärchen z.B.), dann will ich wissen, wie es weitergeht. Auch das ist nicht anders als bei anderen Ablenkungen z.B. Seifenopern und hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun.

Nachrichten sind Zeitverschwendung. Auch da gilt, wenn ich es zulasse. Ich kann mich dem widmen (und, so wie ich manchmal) später ins Büro kommen – oder ich kann es mit etwas mehr Disziplin lassen.

Nachrichten machen uns passiv. Wie dieses Blog ja widerlegt.

Nachrichten töten die Kreativität. Nein, ganz im Gegenteil – Nachrichten sind selber ein kreativer Vorgang – jeder Journalist kreiert nämlich seinen Text. Und der Fotograf/Kameramann wählt auch seine Perspektive, wie uns die Snaparazzi immer wieder beweisen.Außerdem sind einige meiner schönsten Stories von Nachrichtentexten inspiriert worden. Dass man nämlich nur schreiben könnte, wenn man eine Sache nicht schon kennen würde, ist eine These, die ich so nicht stehen lassen kann. Die Mehrheit der Schreiber auch im Fantasy und SF-Bereich schreiben ja fußend auf dem, was dem Leser bereits bekannt ist und denken dies nur in eine Richtung zu Ende.Außerdem ist es ja gerade so, dass Nachrichten selber Lücken lassen (s. auch sein Gegenargument „führen in die Irre“). Diese mit Fiktion zu füllen ist kreativ!

Ich würd sagen, BUSTED – in allen Punkten der Anklage – sorry, muss jetzt den Kurier auf NDR2 als Podcast hören 😉 Sonst leide ich an Entzug.

Bullsh.. um 19 Uhr kommt doch schon wieder einer.

Dad of the day – Amerika, aber so weit ist es dann auch wieder nicht weg

In der Huffingtonpost steht heute ein Artikel über einen Mann, der auf Facebook eine kleine Story des Alltags erzählt:
Sein Sohn wollte einen Sofia, die Prinzessin-Film. Er sagte, nein, du hast soviele Filme daheim.

Mischte sich ungefragt ein Mann ein, der hinter ihnen in der Kassenschlange stand: „Und du willst doch keinen MÄDCHEN-Film!“ und zum Vater gewandt: „Hinterher bekommt er noch eigenartige Ideen“

„Dann würd ich ihn genauso lieben.“

„Ich meine, merkwürdige Ideen wie – dass er mal Jungs liebt“

„Und auch dann würde ich ihn lieben,“ sagte der Vater. Der Einmischer wechselte darauf die Kasse – und die ältere Dame dahinter fragte: „Darf ich ihrem Sohn diesen Film kaufen? Sie haben meinen Tag gerettet!“

So kam Sam zu seinem Prinzessinnen-Film.

Diese Geschichte hat großes Echo losgetreten, weswegen Huffpost sie ja auch aufgreift.

In Hannover – um wieder ins Lokale zurückzufallen – gibt es auch coole Eltern und coole Kids. Eine Kollegin von mir, sehr humorvoll, hat vor etlichen Jahren mal ihren Sohn zum Kindergarten gebracht (der Kleine ist inzwischen erwachsen) – und dabei gesagt: „Kind, wir müssen dir bald mal einen Rock kaufen, du siehst schon aus wie ein Junge!“

Der Kleine darauf ganz cool: „Ach, Papa!“

Der Sohn ist von seiner Mutter so vorgeschädigt, dass er eine Fundkatze „Hund“ taufte. Vorübergehend – das Tier ist jetzt in einem Forever-Home und trägt einen passenderen Namen.

Gute Nachrichten – schlechte Nachrichten

Alles ist relativ, sagte schon – äh – ich behaupte jetzt mal Einstein. Im Zweifel war es immer der oder Konfusius ..

Die für mich sicherlich am meisten unterrepräsentierte gute Nachricht gestern war diese: Mehr Deutsche sind auf Öffis umgestiegen. Was für mich eine gute Nachricht ist, da der Individualverkehr nun mal einen großen Anteil an den Umweltproblemen hat, ist natürlich eine schlechte.

Jedenfalls, wenn man zur Auto- bzw. auch Autozuliefererbranche gehört. Gestern  stand im Handelsblatt, dass Europas Autoabsatz gesunken ist.

Für all diejenigen, die bei einem deutschen Autobauer arbeiten, klingeln da Alarmglocken, schließlich wird immer öfter da produziert, wo die Autos auch gekauft werden – zum Beispiel vom derzeit noch deutschesten aller Hersteller, Volkswagen. 2013 hat dieser sieben neue Werke gleich in China geplant.

Das ist natürlich eine logische Entwicklung, schließlich wird nicht nur weniger Auto gefahren hier in Deutschland, weil alle ihre Grüne Seele entdeckt haben. Auch die Anzahl der potentiellen Käufer sowie der potentiellen Produzenten nimmt ab – Stichworte schrumpfende Bevölkerung und Facharbeitermangel.

Es ist eben alles relativ, sogar gute Nachrichten.

Wer mehr gute Nachrichten möchte, die gibt es natürlich auch: auf Englisch oder auch auf Deutsch. Weil man mal eine Pause braucht von Nordkorea, Massenunfällen, Verbrechen oder auch nur dem kalten Wetter.