Christiane bittet zum ersten Intermezzo

Christiane von Irgendwasistimmer bittet zum Intermezzo – und ihre Aufgabe:

Aus einer Liste von 15 Wörtern 10 aussuchen, dazu eine Gedicht- oder Songzeile nehmen (ich nahm ein Gedicht, von einem Herrn, der schon lange, lange verstorben ist) und daraus eine Geschichte beliebiger Länge basteln.

Hier nun

Mal was anderes*

Sie öffnete das Fenster, draußen stand die Luft aber genauso. „In allen Wipfeln spürest du, kaum einen Hauch“ Wie Recht der alte Goethe doch hatte. Sogar die Vögel schwiegen, wie im Gedicht. Sie beneidete sie nicht, konnten sie doch ihr Federkleid nicht wechseln.

Sie dagegen schwang sich für den Tanztee in ein leichtes Sommerkleid, und holte die Ohrringe aus dem Biedermeierschränkchen, das sie sich mit ihrem ersten eigenen Geld gekauft hatte.

Langsam musste sie mit der Sachertorte wirklich aufpassen, sie hatte schon Schwierigkeiten, das Fußkettchen anzulegen, von ihrem Ex so uncharmant „Fußfessel genannt.

Als sie aus dem Haus trat, schaute sie rüber zur Kirchturmspitze und verglich die Uhrzeit mit ihrer Cartier. Pünktlich wie immer.

Sie stieg in das Cabrio und machte sich auf den Weg zur ehemaligen Fischkonservenfabrik, die jetzt ein Veranstaltungszentrum war.

Kurz vor dem Gelände lag etwas auf der Straße, sie konnte gerade noch bremsen. Eine Frau kam angerannt und schrie in einer Sprache, die sie nicht verstand, auf sie ein. Was wollte die Frau, sie hatte doch nichts mit dem Bündel auf der Straße zu tun. Vom Bündel kam ein Wimmern, doch als sie sich bücken wollte, kamen zwei große Männer angerannt und brüllten, zornrote Wangen blitzten – sie verstand kein Wort.

Weitere Frauen kamen, eine alte zerrte an ihr, eine junge bückte sich zum Bündel, wenigstens eine mit ein wenig Verstand, schoß es ihr durch den Kopf, als sie den ersten Schubser spürte. Die Stimmung kochte hoch. Eine Hand schlug ihr erst rechts, dann links eine runter, sie versuchte sich zu befreien und schaffte es irgendwie ins Auto zurück, Rückwärtsgang eingelegt und los – erstaunlicherweise versuchte niemand sie davon abzuhalten, wegzufahren.

Sie fuhr zitternd nach Hause, nach Sachertorte war ihr nicht mehr, ihr Kleid sah ein wenig zerrupft aus. Sie merkte erst, dass ihr Schmuck fehlte, als sie die Ohrringe herausnehmen wollte. Die Ohrfeigen! Ablenkungsmanöver. Der ganze Firlefanz sollte einen Straßenraub verdecken! Sie wollte die Polizei rufen, aber das Handy war auch fort.

*Ein Hinweis für  Goethe-Kenner – oder Wikipedia-Leser – das bekannte „Wanderers Nachtlied“ wurde unter Ein Gleiches veröffentlicht. Es gibt nämlich noch ein Gedicht, das „Wanderers Nachtlied“ heißt.

Hier der Wikipedia-Artikel. Dort auch der vollständige Gedicht-Text.

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4 Antworten zu “Christiane bittet zum ersten Intermezzo

  1. Ach, was für ein Schreck. Da kann sie ja froh sein, dass nicht mehr passiert ist … Prima Geschichte, ich war echt gespannt, was für eine Wendung du sie nehmen lassen würdest! Sehr gelungen, vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Vielen Dank für die Blumen. Erstmal nix Besonderes – ich könnt das sicher überarbeiten, ich könnt daraus eine Detektiv-Geschichte machen, das als Anfangsszene der Kriminalgeschichte nehmen und dann irgendwann die Täter überführen lassen … Aber ich lass das erst mal so stehen, denn ich bin kein guter Krimi-Schreiber.

  2. Vielversprechender Einstieg

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