Buch 2/2019 – wieder ohne Challenge

Ich habe mich durchgerungen und The Remains of the Day von Kazuo Ishiguro beendet. Warum durchgerungen? Der Erzähler war unsympathisch. Das Problem mit einem unsympathischen Erzähler ist, dass er/oder auch sie in anderen Büchern/ die Figur ist, an deren Sichtweise wir teilhaben, durch dessen Augen wir die Welt sehen – und wenn es eine Ich-Perspektive ist oder eine nicht neutrale dritte Person-Perspektive, dann erfahren wir auch die Gedanken. Sicher, das Buch wäre sehr kurz gewesen, wenn die Gedanken von Stevens nicht geschildert worden wären! Aber angenehm ist es nicht, wenn man die Welt „in“ Stevens erlebt.

Stevens kommt in seiner Unfähigkeit, andere Leute einzuschätzen, schon eher autistisch daher . Er hat wenig Einfühlungsvermögen hat er, wenig kann er andere Leute verstehen und wenig nur ist ihm Humor geläufig. Für einen Butler, der als Vorsteher eines größeren Haushalts eine Menge Personal zu dirigieren hat, der sowohl Wünsche der Gäste seines Dienstherrn vorher zu ahnen hat wie auch Zwistigkeiten im Personal unterbinden muss, ehe sie sich richtig zeigen und damit die Arbeit im Haushalt stören, zeigt sich der Held der Geschichte erstaunlich frei von sogenannten People Skills.  Und das bereits nach mehreren Jahrzehnten in dem Beruf. Wie er es zum Butler geschafft hat, weiß ich nicht.

Dementsprechend ist seine Schilderung seines Tuns auch voll von Fremdschäm-Momenten. Wenn ihn der neue Herr des Hauses aufzieht, nimmt er ihn wörtlich, als wäre er ein Kind, das noch nie davon gehört hat, dass nicht jedes Wort ernst gemeint ist. Besonders kommt dies zutage in den Szenen mit der zur Zeit seiner Reise ehemaligen Haushälterin, die verheiratet in Cornwall lebt. Ihm entgeht völlig, dass Miss Kenton an ihm Interesse hat, was dazu führt, dass diese an einem wichtigen Abend (upstairs) ihm vom Antrag eines anderen Mannes berichtet, über den sie noch nachdächte … und der Esel merkt nicht, dass sie nur darauf wartet, dass er sie bittet, zu bleiben und seine Frau zu werden. Dies ist bereits ein sehr später Moment im Roman, aber es ist eine Rückschau, daher gestatte ich mir diesen „Spoiler“. Bereits am Anfang des Romans wird klar, dass aus Miss Kenton Mrs Benn wurde. Ich habe daher nicht wirklich etwas verraten.

Eine andere peinliche Szene war es dann, die mich wochenlang zur Pause zwang: Er bleibt mit dem von seinem Arbeitgeber geliehenen Wagen liegen, wird von freundlichen Leuten aufgenommen und die halten ihn wegen des Wagens und weil er so sauber und adrett gekleidet ist (mit der Ausnahme seiner Hosenaufschläge, da er durch den Matsch musste) für einen feinen Herrn. Dazu kommt, dass dieser Esel sich selbst seinen Dienst an seinem Lord gern schön redet – und so erwähnte er, dass er Churchill getroffen habe. Die Spannung, wann es denn zur völligen Blamage kommt, war mir unerträglich, zumal er, bevor er diesen Abend schilderte, bereits schrieb, dass er sich blamiert habe.

Er wird dann nicht bloß gestellt, aber am nächsten Morgen, als ihn der freundliche Landarzt zu seinem Auto fährt, wird klar, dass der Arzt ihn durchschaut hat. Er spricht ihn direkt darauf an, ob er ein Diener sei. Dieser Arzt besaß weit mehr People Skills als der Butler …

Für alle, die einen großartigen Anthony Hopkins und eine fabelhafte Emma Thompson sehen wollen, ist der Film sicher ein Vergnügen, aber als Leser*in (HALLO – inhannover wird doch jetzt ge-genderstern-t) war das Buch nicht angenehm. Helden eines Buches müssen nicht fehlerfrei sein, nein, dürfen es sogar nicht – schließlich wollen wir in guten Büchern eine Entwicklung beobachten. Aber Stevens ist mit Fehlern behaftet von der ersten bis zur letzten Seite. Er glaubt auch zum Schluss noch daran, dass er Humor lernen könne und hält es für eine moderne Entwicklung – wobei er uns selber eine Szene aufschrieb, in der bereits 20 Jahre vorher Humor dazu benutzt wurde, ihn zu demütigen. Das gelang allerdings nicht – weil Stevens gegenüber seinem Dienstherrn und dessen Gästen die Demut in Person war. Man kann jemanden nicht demütigen, indem man sein Nichtwissen aufzeigt, wenn dieser jemand nicht seine Aufgabe darin sieht, dieses Wissen zu besitzen.

Ishiguro zeigt aber auch auf, welche Sorte Mensch damals die Herrenhäuser in England bewohnt hat – und es jetzt wieder tut, nur oft ohne Titel …

Die Verbrechen der Nazis werden nie ausdrücklich erwähnt, aber schweben über jeglicher politischer Einflussnahme des vormaligen Arbeitgebers wie ein Damoklesschwert. Denn der Dienstherr von Stevens war ein Faschistenfreund. Er pries wie wunderbar die Faschisten ihr Land in Ordnung gebracht hätten und dass Demokratie überlebt sei …

Stevens Loyalität zu diesem Mann, mit dessen politischen Ansichten er sich nur am Rande näher auseinandersetzt – und dann auch eher mit einem „naja, er hat sich halt vertan“, ist der Hauptgrund des Fremdschämens.

Dieses Buch hat auch wegen der Tendenz, immer wieder schon anzudeuten, wie etwas ausgeht, mich nicht so gut unterhalten, wie ich es erhofft habe. Ein Buch muss mich nämlich vor allem überraschen. Dann darf es auch ruhig eine Tragödie sein. Diese Tragikomödie dagegen war nur in der Szene überraschend, an der ich gestockt bin.

Daher von mir nur, Booker-Preis und Nobelpreis hin oder her, ich bin ja kein Profi-Preisrichter, dies ist eine sehr persönliche Einschätzung, ich lese nun mal nicht gerne Bücher, in denen ich „in einem Esel“ stecke – also wohlwollende 2 bis 3 Kokosnüsse.

The Remains of the Day, Kazuo Ishiguro (europäische Schreibweise, der Autor ist japanischer Herkunft aber Brite), 1989, 245 Seiten, Englisch, Verlag Vintage Books (zu Random House gehörig).

Und ja, ich weiß, ich werde jetzt ganz viele Ishiguro-Fans beleidigt haben. Nein, ich schrieb MEINE Reaktion zu diesem Buch. Es sagt nichts aus über Ishiguros Stand als Künstler. Doch jeder hat so seine Präferenzen beim Lesen. Ich bin mal wieder von „Großer Literatur“ enttäuscht worden. Und Leute wundern sich, warum ich so viel Genre lese …

 

 

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