
Ich nehme zum ersten Mal an der Reise durch den Advent teil. Und nachdem mir eine ganz tolle Hexen-Weihnachtsmarkt-Geschichte durch den Kopf ging, aber sich einfach nicht in der Tastatur materialisieren wollte, hab ich mir gedacht, ich mache bei den vielen anderen kreativen Elementen bisher, die sich mit Nähen und mit Basteln und mit Fotos beschäftigen mal was Anderes. Ich schreibe – über Musik. Und über Dichtkunst.
Weihnachten ist eine Zeit der Musik und Poesie.
Da ist zum einen das Gedudel der Glühweinbuden auf dem Weihnachtsmarkt, mit den TopTen der Après-Ski-Hits rauf und runter geleiert bis die Ohren sich selbst verschließen. Der wohlmeinende Chorgesang für soziale Zwecke, der viel sozialer wäre, wenn nicht – oder zumindest nicht von diesen Akteuren, gesungen würde. Und die Radio-Dauerschleife von „Last Christmas“, „Do they know it’s Christmas“ und „All I want for Christmas“.
Zum anderen sind da die deutschen Weihnachtslieder. Die kirchlichen, voller Freude auf die Ankunft des Heilands: „Es kommt ein Schiff geladen„, „Maria durch ein Dornwald ging“ oder auch „Es ist ein Ros‘ entsprungen„. Falls Ihr diese nicht kennt, habe ich Youtube-Links hinterlegt. Die kann man, vielseitig und pragmatisch, wie wir Deutschen sind, auch zur Beerdigung singen, ohne dass man unpassender Fröhlichkeit verdächtigt wird. Ins gleiche Horn stößt auch „Oh Jesulein süß, oh Jesulein mild“. Überschwängliche Freude – können wir …
Und dann gibt es da noch die Bekannteren, diese kommen nicht ganz so düster daher, aber immer noch gedämpft – ich sag nur „Stille Nacht“ – sehr getragen.
Ja, es gibt auch fröhlichere: „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ ist so eines, das sing ich gern zu Weihnachten. Es steht in meiner Weihnachtsgedichte und -lieder Sammlung, aus dem Sparkassenverlag, meines ist die Ausgabe von 1967. Auch „Kommet Ihr Hirten“ ist etwas fröhlicher.

Die allbekannten amerikanischen, jazzig-poppigen – werden leider auch auf dem Weihnachtsmarkt verheizt. Und vielfach sind es dort nur Winterlieder.
Da wenden wir uns dann doch lieber der Tradition zu, zu Weihnachten ein Gedicht zu lernen. Wer kennt es nicht, das Gedicht von Anna Ritter (geb. 23.02.1865, verstorben 31. 10. 1921 – damit sind Ihre Werke bereits nicht mehr durch das Copyright geschützt!)
Denkt Euch – ich habe das Christkind gesehn!
Es kam aus dem Walde,
Das Mützchen voll Schnee,
Mit rotgefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh
Denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
Schleppte und polterte hinter ihm her –
was drin war, möchtet Ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack –
Meint ihr, er war offen, der Sack?
Zugebunden, bis oben hin!
Doch war gewiß etwas Schönes drin:
Es roch nach Äpfeln und Nüssen!
Ebenso gemeinfrei ist auch Knecht Ruprecht von Theodor Storm, da auch hier der Autor bereits über 70 Jahre verstorben ist.
Knecht Ruprecht
Von drauß vom Walde komm ich her;
Ich muß Euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an:
„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt‘ und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden
Denn es soll wieder Weihnachten werden!“
Ich sprach: „O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in dieser Stadt,
wo’s eitel gute Kinder hat.“
– „Hast‘ denn das Säcklein auch bei dir?“
Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier;
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
Essen fromme Kinder gern.“
– „Hast denn die Rute auch bei dir?“
Ich sprach: „Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten.“
Christkindlein sprach: „So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!“
Von drauß vom Walde komm ich her
Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?
Heute undenkbar, aber ich hab das noch in den 70ern des letzten Jahrhunderts so gehört. Nicht nur, dass hier Kinderwünsche sich noch auf solche Leckereien wie Äpfel und Nüsse beschränkten – sondern auch die Androhung körperlicher Gewalt und die Deklaration von Kindern als „schlecht“ und „böse“. In manche Zeiten muss man nicht zurück und früher war nicht alles besser.
Morgen versammelt sich die Adventskalendergemeinde bei Nicole. Nicole hat diese Reise durch den Advent ins Rollen gebracht, vielen Dank, Nicole. Da ich das erste Mal dabei bin, hoffe ich, mein Beitrag war so in Ordnung.