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Book-Challenge 2017 (2)

daggis-welt.de hat die besagte Book-Challenge laufen. In der letzten Woche habe ich mich vordringlich damit beschäftigt, die entsprechenden Bücher aus meinem SuB hervor zu ziehen – oder (gebraucht, wenn das günstiger war) zu bestellen.

Heute kam schon die erste Lieferung – also, zwei, eine kam per Post, die andere per Hermes, das war die größere von beiden.

Aber vorstellen will ich hier und jetzt natürlich das Buch, das ich in der gerade vergangenen Woche gelesen habe.

Kategorie 15: Ein Sachbuch oder eine Biografie. Ich wählte ein Sachbuch.

Holy Sh*t“ – nein, das ist kein Fluch von mir, das ist der Titel des Buches von Melissa Mohr. (Und er ist bewusst so gewählt. Dazu gleich mehr)

Untertitel: A brief history of swearing.

Zunächst teilt Ms Mohr Fluchen in zwei Kategorien auf: Oath – also, religiös geprägt (daher Holy) und Obszönitäten (sexuell – wer kennt den „Scheiß-“ nicht? – oder auch Körperausscheidungen betreffend – kennen wir auch, einfachstes Beispiel in unserer Sprache der inzwischen antiquierte „Rotzjunge“).

Ms Mohr beginnt ihre Exkursion in die Niederungen der Sprache im Lateinischen. Überlieferungen u.a. aus Pompeii (wie Inschriften an Hauswänden, ja, es gab auch schon vor über 2000 Jahren Graffiti) und diverse Vergleiche von Texten verschiedener Niveaustufen haben ihr dabei vor allem eines gezeigt: Thematisch waren diese Flüche/Verwünschungen/Beleidigungen und auch einfach nur verstärkende Ausrufe im Bereich „Shit“ anzusiedeln – also Sex und den menschlichen Körper betreffend.

Sie bringt Beispiele, Männer wurden dort vor allem damit beleidigt, dass man ihnen unterstellte eine eher „passive“ – also für die Römer eher weibliche – zu spielen.

Dies änderte sich im Englischen Sprachraum im Mittelalter. Wo die römische Gesellschaft von einer gewissen sexuellen Freizügigkeit geprägt war und die römische Götterwelt eben keinen monotheistischen Glauben verkörperte war das Mittelalter ein Zeitalter, in dem alles dem monotheistischen christlichen Glauben untergeordnet war. Während alle Körperfunktionen incl Vermehrung aufgrund der im Mittelalter üblichen Wohnformen sowieso ein Teil des Alltags waren, waren Worte, die diese Körperfunktionen benannten einfach nicht tabuisiert, und damit ungeeignet, zu schocken. Wohingegen jeder Verstoß des „du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen“ eine Sünde darstellte. Flüche wie „Gottverdammich“ waren daher im Mittelalter ein z.T. sogar von der Obrigkeit verfolgter Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung.

Diese Einstellung milderte sich erst wieder ab mit dem 17./18. Jahrhundert. Die Privatsphäre war nun wichtiger geworden, Zeugungen wurden nicht mehr vor Zeugen vorgenommen und alles aus dem Bereich des menschlichen Körpers wurde in feiner Gesellschaft nicht offen angesprochen. Das gipfelte im viktorianischen Zeitalter in der bekannten Prüderie, die schon die Erwähnung eines Tischbeins als unfein darstellte.

Im 20. Jahrhundert wurde diesen beiden Kategorien  dann eine dritte zur Seite gestellt, die Beschimpfung durch den Gebrauch von rassistischen Ausdrücken. Sie wird auch in der heutigen Zeit als Tabubruch empfunden (Das Lied „10 kleine …“ wird in Kindergärten nicht mehr in der ursprünglichen Fassung gesungen, u.a. auch, weil ein Teil der Kinder heute eine dunklere Hautfarbe hat.)

Außerdem geht sie in ihrem Epilog auf die Funktion von Fluchen ein: Fluchen erlaubt uns, Dampf abzulassen, ohne körperliche Gewalt auszuüben. Mohr sagt außerdem voraus, dass Fluchen wieder das Heilige betreffen wird, einfach weil Sex heutzutage immer weniger zum Tabu taugt, wo schon in der Grundschule aufgeklärt wird.

Melissa Mohr

Holy Sh*t – a brief history of swearing,

Verlag Oxford University Press

Erscheinungsjahr: 2013

Umfang: 263 Seiten (excl. Literatur- und Stichwortverzeichnis)

Warum wählte ich dieses Buch?

Ich bin immer entsetzt, wenn Leute wegen jedem Scheiß gleich auf die Barrikaden gehen. Verzeihung, wegen jedem „Scheiß-„. Ich kann mich durchaus ohne Fluchen ausdrücken, und im Beruf und auch sonst so im Allgemeinen bin ich kein Mensch, der jeden Satz mit „verdammt“ oder „Scheiß-“ verziert. Aber ich finde, dass dieser Teil der Sprache seine Berechtigung hat, wie Ms Mohr sehe ich darin ein Ventil.

Und außerdem lese ich gerne etwas über die Entwicklung von Sprachen. Daher dieses Sachbuch.

Huch, jetzt hätte ich beinahe die Bewertung vergessen. Ich habe schon wesentlich lustigere Bücher zu langweiligeren Themen gelesen, hier hat Ms Mohr sicher etwas verschenkt, daher nur 4 von 5 Kokosnüssen.

 

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Denken wie ein Neandertaler und „nicht das Paläon“

Heute ein Sachbuch.

„Denken wie ein Neandertaler“

Wie ich darauf kam? Artikel in der Tageszeitung (ähnlich wie bei „Sommer in Maine“ oder „Dunkle Gewässer“ – was ich noch lesen will).

Ein Gemeinschaftswerk von einem Archäologen und einem Psychologen über die Denkmuster und  – fähigkeiten unserer „Cousins“.

Immer wieder betont der Archäologe, dass der Neandertaler KEIN direkter Vorfahre war, sondern dass wir uns im Homo heidelbergensis einen gemeinsamen Vorfahren teilen. Homo sapiens sapiens stammt aus Afrika und wanderte nach Norden, da gab es Homo sapiens neanderthalensis bereits. Beide stammen ab von Homo heidelbergensis. Cousins, keine Geschwister.

Anhand von archäologischen Funden legt der Archäologe dann dar, wie der Alltag der Neandertaler vermutlich aussah. Aufgrund des Zeitablaufs sind weitestgehend Knochen und Steine vorhanden – nur ganz selten konnten auch Fundstücke pflanzlicher Herkunft nachgewiesen werden wie z.B. die Speere von Schöningen.

Das ist einer der Gründe, warum vieles in diesem Buch nicht mit 100%iger Sicherheit gesagt werden konnte – man weiß viele Dinge schlicht und einfach nicht.

(Aber ich lese ja gerne lückenhafte Sachbücher, wie schon die Shakespeare-Biografie von Bill Bryson)

Im Großen und Ganzen kommt heraus, der Neandertaler an und für sich hat nicht viele Worte gemacht, war recht unflexibel – und heute wäre er der Traum vieler deutscher Ministerpräsidenten, da er gern in menschenleeren Dörfern auf dem Land wohnen würde. Die Gegend des Neandertals, von der er seinen Namen hat, wäre ihm jedenfalls eindeutig zu sehr von Touristen, also Fremden, durchzogen. Einfluss von außen mochte er nicht. Vermutlich würde er heute sogar eher in Nordamerika in einem Mini-Kaff leben, wo er seinen Kindern immer noch 200.000 Jahre alte Kulturtechniken beibringen würde mit Home-Schooling. Symbole wie Mathematik? Tat er sich schwer mit. Sprache? Hatte er, aber anders als wir.

Lustigerweise ist das Neander-Tal nicht nach einem Fluss benannt – sondern nach einem Herrn Neander, der gerne Kirchenlieder komponierte, eine Eigenschaft die den vorherigen Bewohnern eindeutig abging. Kreativ waren sie nicht, unsere Cousins. (Und Kusinen.)

Gekauft habe ich mir das Buch, da der Artikel vor allem darüber schrieb, was Neandertaler in einer heutigen Gemeinschaft machen würden. Dies wurde leider nur auf den letzten Seiten erörtert. Nicht kreative, aber mechanische Berufe, durchaus auch anspruchsvollerer Art würden dem Neandertaler von den Autoren zugetraut. Sofern man dazu nicht zuviel Wissenschaft mit ihren theoretischen Erörterungen benötigte.

Es war für ein populärwissenschaftliches Buch sehr wissenschaftlich aufgemacht, für echte Wissenschaftsliteratur dann aber doch wieder zu verständlich für das Nichtfachpublikum geschrieben. Man merkte eindeutig, dass es kein Wissenschaftsjournalist verfasst hat. Dann wäre es am Anfang etwas gerafft worden und der unterhaltsame, spekulative Teil über einen Neandertaler heute wäre etwas breiter dargestellt worden. Die beiden Wissenschaftler hatten da wohl Bedenken, sich zu weit von den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entfernen und zu sehr in Spekulationen zu verlieren.

Alles in allem: KANN MAN LESEN – MUSS MAN NICHT. Ich hatte gehofft, in meinem Urlaub noch zum Paläon (s.o. Link Schöninger Speere) zu kommen, aber es scheint eine kleine Weltreise zu sein – Hannover ist ja schon verdammt abgelegen 😉

Fahrzeit 2:42 (wenn ich nicht gerade um 6:35 fahren möchte) – mit viermal umsteigen (ok, einmal innerhalb Hannovers), davon einer Umsteigezeit von 46 Minuten am ZOB Schöningen (da geht das Leben ab!) – für 7 Minuten weitere Busfahrt (da kann man sich die letzte Busfahrt doch sicher sparen und laufen, oder?). Ich denke, das Buch zu lesen hat mir mehr gebracht.

Wenn das Land nicht lernt, seine Öffis besser zu koordinieren, wird es Städter nie anziehen. Das war schon die Schwäche des Landlebens, als ich noch auf dem Dörpe wohnte.