Schlagwort-Archive: Kurzgeschichten

Man kann nicht 52mal … (6)

Die Zeitung

Nur noch zwei Monate, dann hatte er das Geld für den Rest der Anzahlung und die Fahrkarte zusammen. Dann würde er dies alles hinter sich lassen. Brad zog den Handwagen voller Zeitungen hinter sich her. Nur noch 50 Tage.

Er legte die Zeitung auf die Veranda der Thorntons, dabei las er die Schlagzeile:

„Schwindler aufgeflogen“ – Die Leute waren ja so leichtgläubig und so leicht von ihrem Geld zu trennen.

Als er die Zeitung in den Briefkasten bei den Goodmans schob, las er die zweite Zeile der Überschrift. „Tausende arme Schlucker um den letzten Penny gebracht“.

Bestimmt wieder so eine angeblich „risikoarme Anlage“ mit „gigantischer Rendite“. Die Leute meinte immer, sie bekämen alles für nichts.

Ihm würde so etwas nicht passieren. Er investierte nicht in irgendwelche Geldgeschäfte, er wusste, er würde hart arbeiten müssen. Aber er hatte Talent. Sein Agent hatte ihm das sogar in einer E-Mail geschrieben. Er würde seinen Weg machen.

Die Investition in das Demo-Tape würde sich bezahlt machen. 1700 Dollar hatte er schon angezahlt. Er legte die Zeitung der Browns  in deren Zeitungskasten.

„LA“, „talentlose Jugendliche aus der Provinz“, „Myers, Miers and Meyer“ – stach ihm in die Augen. Er war alarmiert. Die Firma seines Agenten war das doch.

Nun las er den Artikel.

„Ein großer Schwindel wurde in Los Angeles aufgedeckt, der die Träume zahlreicher talentloser Jugendlicher aus der Provinz ausbeutete. Mr. DeSantos, der als angeblicher Mr Myers von Myers, Miers and Meyer auftrat, hatte einigen Tausend Jugendlichen jeweils mehrere Hundert Dollar Anzahlung abgenommen. Der Schwindel flog auf, als der Vater eines der Jugendlichen von der Bank angesprochen wurde. Bis dahin hatte Jason Z. schon 1500 Dollar an DeSantos überwiesen. Damit war er einer der schwerer Geschädigten. Die Polizei versucht noch, die anderen Opfer zu ermitteln. DeSantos hat das Geld sämtlich in seinen luxuriösen Lebenswandel gesteckt – für seine Opfer wird es schwer sein, es zurück zu bekommen.“

NEIN! NEIN! OH NEIN!

 

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Man kann nicht 52 mal hintereinander eine schlechte Kurzgeschichte schreiben (4)

Der Bücherwurm

Sie hatte ein Rascheln gehört. Irgendwo hier! Sie griff nach einem der Bücher von einem der Stapel mit ungelesenen Büchern. Es raschelte nochmal, dann war es still.

Sie räumte die Bücher aus dem Regal. Erst vom ersten Brett. Dann wieder meinte sie, das Rascheln wäre von weiter oben gekommen und sie räumte nach und nach alle Regalbretter frei. Vorsichtig legte sie den letzten Stapel hinter sich auf den letzten freien Fleck auf dem Boden.

Nichts. Nicht mal Staub – so dicht hatten die Bücher im Regal gelegen. Es waren wirklich verdammt viele Bücher! Sie sollte mehr lesen. Stattdessen trieb sie sich lieber im Internet herum. Und damit nicht genug: Wenn ihr im Internet ein Buch interessant erschien, schaute sie gleich nach, ob sie es günstig gebraucht im Netz bekam. Meist war das der Fall.

Es waren gut und gerne 500 Bücher hinter ihr auf dem Boden. Sie seufzte. Nun musste sie wieder alle dort ins Regal bringen. Ihr Blick wanderte zurück zum Regal. Da raschelte es wieder. Dieses Mal kam es aber nicht vom Regal, sondern aus Richtung der Bücher am Boden.

Sie nahm jeden Stapel auseinander: Nichts. Dabei wunderte sie sich immer wieder darüber, welche merkwürdigen Bücher sie sich mal gekauft hatte. Einige waren auch geschenkt. Oh, stimmt – DAS war geliehen. Sie griff sich das Buch vom Stapel. Da war noch das Lesezeichen drin an der Stelle, an der sie aufgegeben und das Buch zurück auf den Stapel ungelesener Bücher gelegt hatte. Inzwischen war es ein ganzes Regal! Wie hatte es dazu kommen können?!

Nun, der nächste Tag war ein Samstag, sie ging zur Post, zwei Sendungen abholen, bestellte Bücher. Und dann war da noch der Öffentliche Bücherschrank in der Nähe. Schon wieder neue Bücher! Sie griff auch dort ein paar heraus. Langsam ahnte sie, wie es so weit kommen konnte. Sie hatte doch wirklich genug zu lesen daheim, warum dieser Hunger auf neue Bücher?

Sie kam nach Hause und räumte ihre Beute ein. So, nun war Schluß! „Kein Platz mehr im Regal!“

„Dann kauf ein neues Regal, aber pronto!“

„Warum sollte …,“ sie brach mitten im Satz ab. Wer hatte da gerade die Anweisung gegeben, ein neues Regal zu kaufen?

„Weil mir das alte Zuhause zu eng wird!“ Aus den Büchern formte sich ein Gesicht – ein runder Kopf, mit ein paar Borsten darauf,

Ein riesiger, runder Kopf! Sie trat einen Schritt zurück, stolperte über einen der heute abgeholten Kartons und fiel auf den Hintern!

„Was denn, was denn, noch nie einen Bücherwurm gesehen?“

„Ähm, sind die normalerweise nicht kleiner und leben vom Papier der Bücher?“

„DAS  sind nur Käfermaden, ICH gehöre der Art der serpens libris gigantomalis an! Diese Spezies lebt in Stapeln ungelesener Bücher – wir SIND die ungelesenen Bücher, sobald eine gewisse kritische Masse überschritten wird. Daher brauche ich auch ein zweites Regal – ich bin doch heute wieder gewachsen!“

„Oh,“ sie musste dies erstmal verdauen. „Heißt das, wann immer ich Bücher neu anschaffe, wächst du?“

„Exakt. Ideale Lebensbedingungen hier: Bücherliebhaber ohne genügend Zeit zum Lesen – das lässt mich groß werden!“

Sie hatte sich jetzt gesamnelt, sprang aus dem Zimmer. Glücklicherweise war das ihr bis auf die Bücher ungenutzter Raum! Die Tür schloss sie sicherheitshalber ab.

Jetzt konnte sie erstmal in Ruhe ins Internet. Vielleicht gab es bei amazon ein Buch darüber, was man gegen diese Art Bücherwürmer tun konnte.

„Vergiss nicht, das Regal zu bestellen!“ klang es aus dem verschlossenen Raum.

Nun, sie fand nichts bei amazon, nichts bei Hugendubel und auch nichts bei Weltbild. Na klar, die lebten ja auch alle gut von ihren Buchkäufen. Denen lag gar nicht daran, dass sie aufhören könnte.

Sie googelte „serpens libris gigantomalis“. Tatsächlich, da gab es eine Seite im Netz.

„Haben Sie einen Wurmbefall?

Kleiner Test:

  1. Können Sie nicht aufhören, Bücher zu kaufen und sie dann ungelesen auf einen Stapel zu legen?
  2. Kommt es Ihnen so vor, als führten Ihre ungelesenen Bücher ein Eigenleben?
  3. Raschelt es manchmal im Regal?
  4. Ist das Regal unerklärlich staubfrei?

Haben Sie viermal mit „Ja“ geantwortet? Dann sind sie mit serpens libris gigantomalis infiziert.“

Es folgten mehrere Absätze über den Ursprung der Infektion, den idealen Lebensraum, den Lebenszyklus dieser Kreaturen („sie sterben oft erst mit ihrem Wirt“).

„Doch jetzt zum Wichtigen: Wie wird man die Biester los?

Nun, es gibt nur einen Weg: KAUFEN SIE KEINE NEUEN BÜCHER! GAR KEINE!! Lesen Sie nach und nach die alten. Oder noch besser, geben Sie die Stapel gleich ganz weg.

Nur so kann man den Wurm aushungern. Aber das Wichtigste lesen Sie in meinem Buch „Anti-SGL-Kur“. Kaufen Sie hier.

Sie klickte auf hier. Ein großes, rotes Fenster mit fetten schwarzen Buchstaben poppte auf:

„Ich hatte doch gesagt, kaufen Sie KEINE NEUEN BÜCHER! Gehen Sie und holen Sie sich ein Buch aus dem Regal!“

Gut, das würde Ihr nicht wieder passieren. Die Botschaft war angekommen. Sie schloss das Zimmer auf. Der Wurm schaute sie an. „Schon wieder da?“

Sie griff nach einem Krimi – Krimis lasen sich immer schnell. Sie wollte gerade das Buch aus dem Stapel ziehen.

„Nee – Krimis sind immer so langweilig. Am Anfang stirbt einer, dann wird ein Haufen Fragen gestellt und plötzlich weiß der Ermittler, wer der Täter ist.“

Stimmte auffallend. Vielleicht legte sie deswegen Krimis so gern nach ein paar Seiten weg. Mmh – mal sehen, da liegen noch historsiche Liebesromane. Leichte Kost für den Anfang.

„Nee, Liebesgeschichten sind auch langweilig, erst finden sich beide ganz attraktiv, dann hassen sie sich, irgend etwas Dummes passiert (einer von beiden wird verletzt oder krank) – und schließlich fallen sie sich um den Hals.“

Stimmte schon wieder. Vielleicht doch besser einen Fantasy-Schmöker mit klassischer Queste?

Auch hier erklangen Einwände, wiesen daraufhin, dass mit dem „Herrn der Ringe“ bereits alle Questen vorgezeichnet seien.

Ein Science-Fiction? War entweder so düster, dass sie deprimiert das Buch weglegen würde, oder so technisch, dass sie frustriert vom Jargon, das Buch auch weglegen würde.

Sie ging zurück zum Computer. So kam sie nicht weiter. Dort hatte sich die Botschaft geändert:

„Hat der Wurm sie überredet, dass Sie keine Lust auf irgendeine der Geschichten haben? Lassen Sie sich nicht entmutigen! Greifen Sie blind ein Buch heraus!“

Sie ging wieder zum Regal, schloss die Augen und griff nach einem Buch.

„Kunstgeschichte der Welt, ein kurzer Abriss“ versprach der 800-Seiten-Wälzer. Na, versprechen konnte man sich ja mal. Aber wieso um aller Welt hatte sie DAS mal gekauft? Musste ein Füllbuch in einer Zweitausendundeins-Lieferung gewesen sein.

Nein, so wurde das nichts. Zurück zum Computer.

„Hat der Wurm Ihnen ein langweiliges Buch andrehen wollen? Gut, dann müssen wir stärkere Waffen auffahren! Nehmen Sie an einer Buch-Challenge teil. In einem Jahr müssen Sie aus Ihrem Stapel ungelesener Bücher Werke aus den folgenden Kategorien gelesen haben, die Reihenfolge bestimmen Sie:“

Die Website listete 60 Kategorien auf:

„Ein von einer Frau geschriebener Krimi.

Eine Biographie über einen Mann, der schon mindestens 100 Jahre tot ist.

Ein von einem Paar geschriebenes Buch …“

und so ging es weiter und weiter.

Sie druckte sich die Liste aus und ging ans Regal:

Ein von einer Frau geschriebener Krimi – da! Nicht ganz leicht, das Buch aus dem Stapel zu lösen, aber damit hatte sie ihr erstes Buch.

Sie nahm sich alle paar Tage eine neue Kategorie vor, las im Urlaub manchmal ein Buch am Tag – und zusammen mit dem Verbot, neue Bücher zu kaufen (sie vermied alle Buchläden und folgte auch keinem Link zu einem InternetBuchhandel mehr) funktionierte es tatsächlich. Ihr Vorrat an ungelesenen Büchern schmolz langsam aber stetig dahin, und das Rascheln oder gar der Wurm kehrten nicht wieder.

 

Man kann nicht 52 mal hintereinander eine schlechte Kurzgeschichte schreiben (3)

Seminarteilnahme
Ob Ihr es glaubt oder nicht, Ihr könnt es googeln – es gibt sie: Hexenseminare.
Nein, man lernt dort nicht, dem Feuertod zu entkommen, Milch zu säuern und wie lange man einen knochigen Hänsel im Backofen garen lassen muss. Es lernt sich dort etwas über Chakren, über die „innere Göttin“, über Meditation.
Ich wollte soetwas unbedingt mal ausprobieren, ich bin ein neugieriger Mensch. Ich buchte also so ein Wochenendseminar, mit vegetarischer Verköstigung (hat jemand etwas anderes erwartet?) und zog los.
Die Teilnehmerinnen (ja, Geschlechterverteilung Frauen 6 : Männer 0, auch da hat doch keiner etwas anderes erwartet, oder?) setzten sich zusammen aus drei Mit- bis Endvierzigerinnen, die einen tieferen Einblick in das Selbst gewinnen wollten und nach der Pleite mit ihrem letzten Mann/Lover/Job endlich die Macht in sich finden wollten. Ich gehörte zu diesen. Und dann waren da noch die zwei Teenager, die zuviel Charmed gesehen hatten. Sie kamen nur am ersten Abend.
Eine Teilnehmerin aber stach heraus. Ihr Alter war nicht wirklich definierbar, aber ihre Kleidung war fast noch wallender als die der molligsten unter uns (also, als meine) und sie hatte eine reizende kleine Warze auf der Nase, aus der ein Haar wuchs. Ich hatte sie im Verdacht, dass sie das ganze nicht ernst nahm und sich zu gut verkleidet hatte, um nicht sofort als Reporterin enttarnt zu werden.
An ihrem Gürtel hingen kleine Täschchen, wie man sie auf einem Mittelaltermarkt findet. Runde Lederstücke, die am Rand durchlöchert waren, eine Sehne durchgezogen und schon hatte man einen Beutel. Ihre schienen noch neu zu sehen, denn sie rochen sehr eigenartig, das war bestimmt das Färbemittel.
„Man nennt mich Selina,“ so hatte sie sich mit einer leicht schrillen Stimme vorgestellt. „Ich wollte schon immer eine Hexe werden.“
Am Anfang des Seminars stellten wir uns also vor. Dorothee, Ilsegard und ich, dazu Selina und die beiden Kinder (sie konnten noch keine 18 sein), Janine und Yvonne.
Die Seminarleiterin stellte, zu Dekozwecken, einen großen Kristallball in die Mitte, darum herum arrangierte sie Räucherstäbchen. „Schaut jetzt alle tief in diese Kugel und stellt Euch die Frage, was Euch dieses Seminar bringen wird. Lasst Euren Atem zur Ruhe kommen und versenkt Euch in die Tiefe des Kristalls!“
Die beiden Teenies kicherten die ganze Zeit, Ilsegard räusperte sich strafend. Yvonne steckte Ilsegard die Zunge heraus.
Mir machte es zwar viel Spaß, die anderen zu beobachten, aber ich wollte mich auch gerade in den Kristall vertiefen. Da sah ich Selina. Sie war ganz weiß und keuchte. „Ist dir nicht gut?“ murmelte ich, um die anderen nicht zu stören, doch es war noch nicht leise genug, nun musste auch ich Ilsegards Eisblick ertragen. Die zwei Teenager kicherten wieder.
Selina antwortete nicht. Ich sah zu unserer Seminarleitung hinüber, die diese Übung mitmachte, „wegen der magischen Zahl“, aber sie war so auf den Ball fixiert, dass ich ihre Aufmerksamkeit nicht erringen konnte, ohne wieder einen Laut von mir zu geben. Aus Rücksicht auf die anderen wollte ich das nicht. Ich schaute also zu Selina, die angefangen hatte, leicht zu zittern. Da schrie neben mir Dorothee auf und brach den Bann.
„Was ist denn Dorothee?“
„Da hat sich etwas in der Kugel bewegt! Etwas Warziges, Massiges, mit vielen spitzen Zähnen!“
„Wir sind hier nicht beim Herrn der Ringe, Dorothee“ wies sie die Seminarleitung zurecht. „Du solltest heute Abend mal ein paar Stunden in der Wanne liegen und Entspannungsmusik hören!“ Mit diesen Worten reichte sie Dorothee eine Doppel-CD über den Tisch.
Selina neben mir atmete jetzt wieder normal. Ich fragte sie leise, was sie denn gesehen habe, doch sie schüttelte nur den Kopf.
Dann war es Zeit in unsere Unterkünfte aufzubrechen.
Am nächsten Morgen, nachdem wir einen dieser unsäglichen Morgenkreise gebildet hatten und ihn sogar verlängert hatten, wussten wir, dass die zwei Kinder nicht zurück kommen würden. Ilsegard hatte sie weggestarrt. Nun, an mir war ihr böser Blick abgeperlt.
Selina sah nicht so aus, als wenn sie gut geschlafen hatte, trank nur einen Becher mit heißem Wasser, in das sie ein paar getrocknete Kräuter krümelte.
„Mmm, was sind denn das für Kräuter? Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen das Kiffen, aber ich finde, wir sollten hier drogenfrei bleiben,“ sagte die Seminarleitung, als sie wieder eintrat, nachdem sie sich eine Zigarette vor der Türe gegönnt hatte.
„’s ist nur Sagenkraut.“
„Ach, Verbene. Ja, das ist natürlich etwas anderes, ich will halt nur nicht, dass uns irgendein Nachbar, dem das Ganze hier sowieso suspekt ist, die Drogenfahndung herschickt und die dann irgendwas Illegales hier finden.“
Selina hatte heute einen Besen mit.
„Besenrituale machen wir erst im Fortgeschrittenen-Seminar,“ wies sie die Seminarleitung zurecht. „Und dann auch nur spezielle Besen, nicht diese Allerweltsdinger aus Polen.“
Selina stellte ihr „Allerweltsding“ in die Ecke.
Die nächsten Stunden wurden wir über Steine und ihre Wirkungen belehrt, wozu die Seminarleitung ein von ihr geschriebenes Buch empfahl (wie gestern schon zum Thema Räucherwaren, ich glaube, zum Thema Kräuter gibt es auch noch eines).
Das Echo auf diesen dezenten Hinweis blieb verhalten, was ein leicht Frustiertes „Ihr könnt es euch ja noch bis zum Ende des Seminars überlegen,“ auslöste.
Beim Super-Seminar-Sonderangebot von 35 Euro (pro Büchlein) war nicht zu erwarten, dass sich die Nachfrage noch vergrößern würde. Ilsegard hatte natürlich bereits alle drei Bücher gestern erworben, noch vor der Vorstellungsrunde.
Vor dem Abschied wurde noch einmal meditiert. „Und jetzt stellt Euch etwas Schönes vor, etwas, das Ihr schon immer haben wolltet, etwas Kraftvolles und Beeindruckendes“ leitete die Seminarleitung die Meditation.
Wir starrten auf die Luft vor uns und Ilsegard malte sich bestimmt eine Eiserne Jungfrau aus. Mir wollte partout nichts einfallen, ich schaute zu Selina neben mir, und erschrak. Vor Selinas Nase hatte sich ein Loch in der Luft gebildet und durch dieses Loch tapste ein Drachenbaby, frisch geschlüpft auf sie zu. Selina lächelte selig und streckte die Hand nach dem kleinen Drachen aus. „Nein,“ entschlüpfte es mir. Wo ein Junges, da doch auch fast immer eine Mutter. Und Mütter mögen es nicht, wenn man ihre Kleinen stiehlt. Ich sollte recht behalten.
Ein massiger, warziger Kopf schoß durch das Loch und holte den Kleinen zurück. Doch das Loch war nicht wieder zu, sondern der Kopf kam zurück. Da griff Selina in einen ihrer Beutel und holte einen vor sich hin modernden Molch heraus. Was sie auch immer in der spinnwebigen Sprache der Magie sagte, es ließ den Molch anschwellen, bis er die Größe des Lochs erreicht hatte und sich ganz davor legte. Und keine Sekunde zu früh. Von der anderen Seite kam eine Flamme, aber der Molch hielt sie auf der anderen Seite des Lochs und als er platzte, schloss sich das Loch.
Selina saß da, Tränen in den Augen. „Ich war so nah dran“. Die anderen hatten sich in eine Ecke des Raums verzogen, ganz hinten die Seminarleitung. „Ich, ich … ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst!“ Selina nahm den Besen und stieg vor der Tür auf. Sie entschwand im Vollmond.

Man kann nicht 52 mal hintereinander eine schlechte Kurzgeschichte schreiben (2)

Setz dich hin, nimm dir’n Keks

Thorsten kam nach der Feier ein wenig später als sonst in sein Büro. Das hatte er sich auch verdient. Er hatte so lange auf die Beförderung warten müssen. Nun hatte er gestern, nachdem er die Benachrichtigung erhalten hatte, dass er beim nächsten Schwung dabei sein würde, mit den Kollegen gefeiert.

Alle hatten sie ihm gratuliert. Auch Burkhard, wenn auch mit dem falschen Grinsen eines Übergangenen. Burkhards Ansicht nach wäre jedes mal er selber dran gewesen, wenn eine Beförderung an stand.Eine Ansicht, die weder der Vorgesetzte noch die Personalstelle teilten.

Lotti hatte nicht versucht, ihre eigene Enttäuschung zu verbergen: „Wie gut, dass du ein Thorsten und keine Tanja bist,“ hatte sie ihm gesagt. Aber dem teuren Wein, den er gestern ausgab, hatte sie trotzdem reichlich zugesprochen.

Nur schwer einschätzen konnte er auch die Reaktion von Simone. Sie hatte ihm zwar gratuliert, mit den Worten: „Endlich hat es mal den Richtigen getroffen.“ Aber Thorsten war sich nicht so sicher, dass dies nicht doch sarkastisch gemeint war. Simone verzog nie eine Miene.

Aber einer zumindest gönnte ihm die Beförderung und hatte ihm heute Morgen einen Schokokeks hingelegt. Thorsten hatte noch nicht gefrühstückt, so ließ er sich den Keks genussvoll schmecken.

Der Rest des Tages ließ ihn ziemlich kalt. Irgendjemand kam rein und beschwerte sich, weil der Gemeinschaftsdrucker nicht funktionierte. Dann wurde eben mal nicht gedruckt. War doch egal, wann die Schreiben raus gingen, heute oder Morgen …

Kollege Bauer ließ sich bei Thorsten über den neuesten Schnitzer von Bürokraft Anna aus. Thorsten machte nur Mmm – er wurde schon wieder hungrig. Anna hatte doch eh nur eine befristete Stelle, das Problem löste sich also eh durch Zeitablauf, was sollte man sich da aufregen?

Auch die nächsten Tage lag jeweils ein einzelner Schoko-Keks auf seinem Schreibtisch – und Thorsten, dem der erste so gut geschmeckt hatte, aß sie alle.

Am Tag vor der Beförderung kam er früher, er musste noch zur ärztlichen Untersuchung, bevor er morgen seine Beförderung in die Hand gedrückt bekam. Dieses Mal lag kein Keks auf dem Schreibtisch.

Stattdessen meldete sich auf seinem Telefon sein snap-chat account:

„Kollegiale Grüße – das waren Haschkekse! Viel Spaß beim Drogentest heute!“

 

Short-Story 2017 1/52 (noch fehlendes Update zur ersten Woche des Neues-Jahr)

Es ist nun doch keine Supermarkt-Horror-Geschichte geworden … Sondern eine kleine Liebesgeschichte. 2017 kann ich ja mal gemächlich beginnen. Achtung, dies ist „the shitty first draft“ bzw. heute the second- frei nach Hemingway – (der soll mal gefragt haben: Don’t we all write shitty first drafts), heute, kurz nach Mitternacht geschrieben, mit leichter Überarbeitung heute, wo ich wieder wacher bin:

Man kann nicht 52 mal hintereinander Pech haben

Das war nun schon das 49. Date gewesen. Wieder mal ein Kerl, der nur ein Thema am ganzen Abend kannte. War es mal nicht sein Job, waren es seine sportlichen Höchstleistungen im Studio, im Stadion, auf der Straße oder im Bett. Keiner hatte auch nur einmal gefragt, was sie interessierte, was sie machte, oder auch nur, worüber sie sich gerne unterhalten würde.

Dabei waren ihre Interessen weit gefächert: Fußball, Kochen, Literatur, Historisches, Science-Fiction, Ökologisches, Politisches (lokal oder weltweit), Kunst. Doch keines ihrer Dates ließ sich darüber aus. Obwohl alle angeblich gerne lasen, so jedenfalls stand es im jeweiligen Profil, hatte sich noch keiner mit ihr über Bücher unterhalten. Oder auch nur über die Vor- bzw. Nachteile eines e-book-readers diskutiert. Obwohl alle angeblich vielseitig interessiert waren, sprachen sie nur von sich, und dann nur von einem Aspekt ihres Lebens. Wenn tatsächlich mal ein echter Freizeit-Fußballer dabei war, ließ er ihre Äußerungen nicht mal gelten, weil sie ja nur eine Frau war.

Dani hätte das Projekt gerne hier abgebrochen, es war schon Anfang Dezember, ein ruhiges Plätzchen für ein Date zu finden wurde immer schwieriger wegen der vielen Weihnachtsfeier. Es war doch albern, an der Zahl 52 fest zu halten.

Aber sie hatte sich nun mal am Jahresanfang vorgenommen, sich in 52 Wochen auf ebensoviele Dates zu begeben, es sei denn, ihr wäre dabei einer begegnet, der das überflüssig gemacht hätte. Man kann doch nicht 52 mal hintereinander Pech haben. Sie hatte sich deswegen bei „Blind Dates“ registriert, weil sie nicht auf irgendein manipuliertes Foto herein fallen wollte. Es war ihr natürlich bewusst, dass auch die Profile gelogen sein konnten, aber die App hatte ja zum Ziel, sich möglichst schnell irgendwo zu treffen und mal zu schauen, ob die Chemie stimmte. Sie stimmte nicht. Jetzt schon 49 mal nicht. Das Schicksal schien das mit dem „52 mal Pech“ in ihrem Fall als Herausforderung zu betrachten.

Sie zahlte beim Taxifahrer mit dem üblichen Zwanziger, ohne Wechselgeld. Wenigstens einer sollte an diesem Abend Grund zur Freude haben.

Der heutige Fahrer hatte sie schon viele Male gefahren in den letzten 49 Wochen. Sie hatte immer ein Taxi genommen, weil sie fürchtete, die nie gut ausgegangenen Dates würden sonst beim gemeinsamen Warten auf die Bahn unnötig verlängert.

Heute verabschiedete sie sich aus einer Laune heraus mal nicht mit dem Wunsch, er möge noch gute Fahrten diese Nacht haben.

„Jetzt fahre ich noch dreimal, und dann nimmermehr!“ rutschte es ihr stattdessen heraus. Vielleicht hätte sie den Sekt auslassen sollen, der heute Abend getrunken wurde (sie bestand IMMER auf eine Teilung der Spesen, um sich nicht anhören zu müssen, sie würde die Männer ausnehmen). Aber manche Dates waren mit ein wenig Alkohol einfach leichter zu ertragen.

Der Fahrer jedenfalls guckte bei dieser Verabschiedung komisch. Naja, was sollte er auch denken von ihr. Er hatte sie mal gefragt, ob sie so spät noch arbeiten würde, weil er sie so regelmäßig fuhr, da hatte sie ihm gesagt, dass sie einen Neujahrsvorsatz umsetzen würde und mit einer noch recht unbekannten Dating App ihren Marktwert testete. Nun, er schien nicht besonders hoch zu sein.

Als sie in der nächsten Woche, nach eine, wieder sehr zähen Abend, wieder ins Taxi stieg, wieder derselbe Fahrer, fragte er: „Was macht mein Reh, was macht mein Kind?“

Sie musste lächeln. Er hatte ihr zugehört letzte Woche. „Jetzt fahr ich noch zweimal …“

Und er fiel ein: „und dann nimmermehr!“

Aus seinem Radio erklang ein Titel aus der Till-Brönner-Show auf Klassik-Radio Es fiel ihr erst jetzt auf, dass sei heimlich gehofft hatte, auf ihrem Weg vom Steakhaus zum Taxi-Platz, dass genau dieser Fahrer vorne stand. Es wurde ihr bewusst, dass sie sich in seinem Taxi schon vorkam, als sei sie wieder in die beruhigende, ruhige Welt ihrer eigenen Wohnung zurück gekehrt.

„Wissen Sie, seit 50 Wochen schon treffe ich mich jede Woche mit einer neuen Verabredung. Nie, wirklich nicht einmal, habe ich mich dabei auch nur annähernd so wohl gefühlt wie in Ihrem Taxi!“

Er lächelte kurz zu ihr rüber.

Viel zu schnell waren sie vor ihrer Haustür. Sie reichte ihm den Zwanziger mit dem üblichen „stimmt so“. Nur dieses Mal fügte sie hinzu „und vielen Dank für die schöne Fahrt!“

In der Woche vor Weihnachten ergab sich kein Date. Jeder war zu beschäftigt so kurz vor dem Fest. Eigentlich sollte sie sich erleichtert fühlen, endlich mal wieder diesen Abend daheim zu haben, doch irgendwas ließ sie unruhig werden. Schließlich ging es ihr auf! Schnell zog sie sich um, stylte sich nett, nahm die Bahn, wenn auch später als sonst, wich einigen Besoffenen und einigen Weihnachtsmarktspätbesuchern aus und kam schließlich zur gewohnten Zeit am Taxi-Stand an. Gerade sah sie „ihren“ Fahrer an die erste Position rollen, lächelte und stöckelte in seine Richtung, als aus einer Kneipe kurz vor ihr zwei Business-Typen heraus kamen, mühelos vor ihr das Taxi erreichten und drin saßen, als sie ankam.

Heute würde es keine Till-Brönner-Show im Taxi für sie geben. Das nächste Taxi rollte heran, aber sie ging mit hängenden Schultern zur Bahn und fuhr nach Hause.

Zum nächsten Date ging sie nur, weil es das letzte war. Wie immer war sie ein paar Minuten zu früh, sie legte ihr Erkennungszeichen neben sich auf den Tisch und wartete auf das Blind Date. Wie dieser „Bruder Grimm“ wohl aussah? Bestimmt sehr grimmig. Er hatte sich gerade frisch angemeldet – vermutlich ein besonders Schneller mit den Neujahrsvorsätzen.

Die Tür der kleinen Eckkneipe ging auf und „ihr“ Taxifahrer trat ein. Ihr Herz pochte. Nein, nicht gerade hier, nicht gerade jetzt! Konnte er ihr nicht nach diesem Date begegnen, das doch sowieso zu nichts führen würde?

Er kam direkt auf sie zu und lächelte. Dann legte er ein Buch auf den Tisch:. „Gesammelte Märchen der Gebrüder Grimm“. Das Erkennungszeichen! Sie sah auf, sah sein Lächeln und begriff. Man kann doch nicht 52 mal Pech haben.

 

 

 

Gelesen

Ich habe es endlich mal wieder geschafft, ein Buch zu lesen. Eine Kurzgeschichtensammlung von Georgette Heyer: Pistols for two.

Und ich habe dabei herausgefunden, warum ich niemals einen Roman fertig bringen werde. Manche Leute sind für die Kurzform geschaffen, andere sind Langstreckenläufer.

Georgette Heyer schreibt wirklich reizende Regency-romances-Romane – aber bei den Kurzgeschichten überhastet sie immer wieder die Eheversprechen (mit denen eine Romanze ja enden muss). Wieviele Männer würden an dem Tag, an dem sie ein Mädel kennen lernen, um dessen Hand anhalten? Eben … 1 in a million, wie man so schon sagt, also derzeit etwa 7000. Ich habe noch von keinem gehört. Und ich bin schon 46 und höre viel.

Trotzdem habe ich mich amüsiert – nur fühlte mich immer wieder um die Pointe betrogen. Es war einfach zu viel Entwicklung in zu wenig Worten.

Was Mrs. Heyer wunderbar konnte, war diverse Szenarien ersinnen – mit aktiven oder auch passiveren Ladies, mit armen Schluckern und reichen Mädels, mit älterem Paar (jenseits von 30), jungen Leuten. Vermisst habe ich einige der herrlichen Nebenfiguren, die ich in den Romane so schätzen gelernt habe. Aber bei Kurzgeschichten ist der Platz dafür nicht da.

Alles in allem – manche Autoren sind Langtextschreiber. Manche sind Textsprinter, die die Kurzgeschichtenstruktur beherrschen und genau wissen, wo sie Tempo aufnehmen müssen und wie ein Grande Finale aufzubauen ist. Ich würde nicht sagen, dass Mrs. Heyers Kurzgeschichten Sprinterfähigkeiten zeigen.

Manche Schreiberlinge, wie ich, machen gelegentlich einen gemütlichen kleinen Spaziergang, völlig ohne Ambitionen. Diese nun können getröstet sein, nicht jeder Autor beherrscht jede Form des Textes. Sonst würden wir alle Shakespearsche Sonette schreiben.