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Vorsicht mit guten Vorsätzen

Ich mache ja kein Geheimnis draus, ich bin fett (und das ist nur eine Beschreibung, kein Runtermachen). Und total unsportlich. Das letztere bin ich schon immer gewesen.

Und ich bin fast 50 – genauer gesagt, 47.

Viele Menschen sagen mir, wenn ich online Kommentare abgebe, in denen ich zu meiner Figur stehe, dass ich gefälligst mehr Sport machen sollte, und natürlich auch abnehmen. Oder, wie die Concern-trolls so gern sagen: „Stop stuffing yourself and move more!“ Herz-Kreislauf-Krankheiten wären sonst mein todsicheres Schicksal.

Nun, wie erkläre ich mir dann dies?

Für alle, die Links nicht so gern haben:

Hier wird von einem vormaligen Torwart aus der Englischen Premier League berichtet. Der Mann, 47, GENAU MEIN ALTER, war beim Joggen – und hatte dabei einen Herzstillstand.  Er starb. Ein fitter, sportlicher Mann.

Es gibt inzwischen nicht nur einen Fall – es gibt eine Menge Fälle wie diesen. Zum Teil betrifft es JUNGE Profisportler, also Männern, die seit geraumer Zeit von guten Sportmedizinern überwacht werden.

Focus: “ In den vergangenen 19 Jahren sind 12 Fußballspieler eines plötzlichen Todes gestorben.“

Sport ist gesund? Sport ist Mord … und Breitensport ist Massenmord.

Oder auch, um mal wieder die total unzuverlässige Online-Wissensquelle zu zitieren:

„No Sports ist die legendäre und vielfach zitierte Antwort, die Winston Churchill einem Reporter auf dessen Frage gegeben haben soll, wie er, ein passionierter Zigarrenraucher und dem Whisky ebenso zugetan wie dem Champagner, sein hohes Alter erreicht habe.“

Und dann gibt es da noch diesen Artikel aus der Zeit:

http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-12/abnehmen-diaet-gewicht-halten-probleme-jojo-effekt

Seid also vorsichtig, was Ihr Euch für 2016 vornehmt. SEHR vorsichtig.

Ernährt Euch abwechslungsreich, damit Ihr die Vitamine und Mineralstoffe bekommt, die Ihr braucht. Kann nicht verkehrt sein.

Trinkt genug! Auch mal was anderes als Alkohol oder Zuckerwasser, oder Koffein …

Bewegt Euch in Maßen. Mal eine Treppe nehmen, ist nicht verkehrt. Es sollte bei Leuten, die wie ich dreistellig wiegen, nicht gerade diese Treppe sein.

Generell gilt: Übertreibt nicht! Alles in Maßen – insbesondere das Maßhalten! Stress* IST nämlich erwiesener Maßen eine Ursache für Herzinfarkte 😉

Also – alles in allem, den besten Vorsatz, den Ihr Euch vornehmen könnt: Seid nett – zu anderen und auch zu Euch selber!

 

 

*Dazu gehört auch Stress, den „wohlmeinende“ Leute (aka concern-trolls) verursachen, die meinen, mich mit Beschimpfungen oder auch ohne darüber aufklären zu müssen, dass ich ja wohl

  1. fett sei (jau, ist mir seit 22 Jahren noch nicht aufgefallen, gut, dass es mir mal jemand sagt! Ich bin ja so dick, dass meine Augen zugeschwollen sind),
  2. dass ich eine Zumutung für das Gesundheitssystem sei (MEINE Cholesterinwerte waren beim letzten nachsehen vor 7 Jahren noch normal, kein Diabetes, erstaunlich wenige Krampfadern für jemanden, der seit über 20 Jahren zu schwer ist, meine Gelenke ziepen nicht mehr als die meiner schlanken Freunde – und mein letzter Besuch beim (Zahn-)Arzt galt einer nach 27 Jahren zu erneuernden Brücke im Mund, ein Besuch, den ich finanziert bekomme durch meine private Krankenversicherung, in die ich schon seit 2000 sogar einen Fetten-Straf-Zuschlag – Risiko-Zuschlag meinte ich natürlich – zahle, also brav meine ach so höheren Kosten bereits im vorhinein anspare durch höhere Beiträge)
  3. dass ich hässlich bin (hey, ich MUSS NICHT mit einer 18jährigen konkurrieren – ich bin 30 Jahre älter, also, fast, und ich bewerbe mich nicht mit den Supermodels um einen Platz in deinem Bett, Troll – viel Spaß mit den Models!)
  4. dass ich Fettsein bewerbe (NEIN, tu ich nicht. Ich schäme mich nur nicht dafür, dass ich nicht dem Schönheitsideal des Trolls entspreche und lebe mein Leben trotz Fett. Da ich, s. vorstehend, hässlich bin, werde ich wohl kaum ein Anreiz für andere, fett zu werden)

Ihr seht, ich KENNE alle Eure Argumente, Trolle, verschwendet nicht Eure und meine Zeit … Ich mache hier keine Werbung, ich lebe nur mein Leben und wenn Ihr der Meinung seid, dass ich mich selbst in ein frühes Grab fresse, kann Euch das doch nur Recht sein. Eine Stimme weniger, die gegen Euch anstinkt. Könnte allerdings sein, dass Ihr darauf noch einen Tag oder zwei warten müsst, aber irgendwas ist ja immer.

Geklaut von Shrimp hairballexpress.wordpress.com

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Sind die Fetten die neuen „Sternträger“ in Amerika?

Aus den USA kam eine Meldung herein:

http://www.nbcnews.com/health/diet-fitness/cdc-fueling-anti-fat-bias-workplaces-n237171

Die CDC (Centers of Disease Control and Prevention) bietet für Arbeitgeber ein Programm an, das schon nicht mehr subtil benannt ist – LEAN works – fette Leute also nicht? Was macht dieses Programm? Es berechnet die angeblichen Kosten, die ein fetter Kollege mehr kostet als ein „so viel gesünderer“ schlanker Kollege.

Mal abgesehen davon, dass zur Berechnung nur der BMI herangezogen wird, und sorry, aber der erfasst nicht, worin die Körpermasse besteht, ob in Fett oder in Muskelmasse – und damit ist er nicht wirklich aussagekräftig. Ob wir Fetten wirklich soviel mehr Kosten verursachen ist leider immer noch theoretisch.

Achtung, hier kommt ANEKDOTE statt Studie:

Ich habe drei superschlanke weibliche Bekannte, die alle drei Rückenbeschwerden haben. Ein schlanker Kollege hatte einen Bandscheibenvorfall mit noch nicht mal 40.

Mein BMI ist über 40.

Ich war in den vergangenen 12 Monaten zwei- oder dreimal daheim mit fiebrigen Erkältungen .. einen Tag, drei Tage, einmal mit Krankschreibung eine Woche. Der Bandscheibenvorfallkollege war mehr Tage wegen des Bandscheibenvorfalls  daheim, er ist ein eifriger Läufer. Und die Damen mit Rückenbeschwerden? Eine war mehrere Wochen zur Kur. Von den anderen beiden sind solche Absichten noch nicht bekannt. Aber sie quälen sich.

Habe ich denn wenigstens Kniebeschwerden? Seit meinem Autounfall mit 19, manchmal … Ich bin jetzt 46. Da bleibt es nicht ganz aus. Habe ich Hüftbeschwerden? Nö. Habe ich Krebs? Bisher auch nicht. Zu hohen Blutdruck? Nein. Zu hohes Cholesterin? Nee. ICH MUSS DOCH EINE DER TYPISCHEN FETTKRANKHEITEN HABEN! – NON, mesdames et messieurs … Mein Glaukom ist nicht gewichtsabhängig, meine Hausstauballergie ebenfalls nicht.

Wieso soll also mein BMI in irgendeiner Weise vorher sagen können, was für Kosten ich verursache? Und wenn sich das mit Mitte 40 noch nicht andeutet …

Ende der Anekdote.

Das Resultat von LEAN works wird sein, dass Chefs ihre Untergebenen A – zu selbstzerstörerischem Verhalten (eine Diät zerstört Teile von mir!) anhalten, das aber zu 95 % nicht funktioniert. Darüber gibt es Studien. Daraus ergibt sich B – dass die Leute in die Depression getrieben werden – schließlich sagt ja jeder, der Fehler liegt bei ihnen, wenn es nicht funktioniert. Dann verursachen sie auch die höheren Kosten.

Und dann werden sie C – gefeuert.

Lustigerweise hat die CDC den Zusammenhang von Depression und Fettsucht erkannt (Google-Suche von CDC und obesity ergab mehrere Treffer, u.a. den unten):

And now a new Centers for Disease Control and Prevention (CDC) report suggests that being obese may increase patients‘ risk of depression, and vice versa.

Aber – leider hat sie nicht gesehen, dass das Verhalten von SCHULD-zuweisung nur weiter dazu beiträgt, dass Leute depressiv sind. Und das diverse Anti-Depressiva das Gewicht erhöhen, ist auch erwiesen.

Und selbst die oben zitierte Studie gibt zu, dass man bei den Patienten, bei denen man die Daten erhoben hat, nicht sagen kann, was zuerst da war.

Aber man kann ja ganz sicher den Patienten dafür BESCHULDIGEN, nicht den Druck der Gesellschaft, endlich abzunehmen, was in 95 % der Fälle nicht funktioniert (oh, man verliert Gewicht, moderat – aber nicht für länger als 2 Jahre),  … und wenn man das kann, kann man auch verlangen, dass so jemand nicht einen guten Arbeitsplatz den Schlanken wegnimmt, nicht wahr? Von was der Fette Mensch leben soll? Na, von seinen Fettreserven, um es mal ganz platt zu sagen, nicht wahr?

Fazit: Dicke Leute sollten erst abnehmen, dann dürfen sie leben, nicht wahr? Sind wir echt schon wieder so weit?