Buch 6/2019 – unchallenged ;)

Lebensansichten des Katers Murr von ETA Hoffmann

Das Buch ist ca. 200 Jahre alt und ein Fragment, Hoffmann wollte noch einen dritten Teil veröffentlichen, aber es kam nie dazu.

Daher bleibt die Lebensgeschichte des Katers und vor allem die Geschichte des Kapellmeisters Kreissler halb erzählt.

Kater Murr, ein sehr von sich eingenommener Kater, der lesen und schreiben kann und sich mit seinen Knittelversen bereits als großer Dichter sieht wird hier in immer wieder eingeschobenen Fragmenten gegen den wahren Künstler Kreissler gestellt, dem vor allem seine Kunst wichtig ist, nicht so sehr das Ansehen.

Dementsprechend führt Murr auch ein ruhiges Leben bei Abraham, dem gelehrten Erfinder, der das Bindeglied zwischen beiden Geschichten ist, während Kreissler zunächst am Rande des Hofstaats lebt (eines Karikatur-Hofstaats, komplett mit wahnsinnigem Erbprinz und völlig an der Realität vorbei lebenden Höflingen) sowie später im Verlauf des Romans am Rande einer Klostergemeinschaft weilt. Und von dort vermutlich nach Hoffmanns Plänen zurück an den Hof kehren sollte, aber dazu kam es nicht mehr – was ich sehr bedaure, ich hätte gern gewusst, wie sich das Knäuel entwirrt.

Ich hab die über 440 Seiten (Reclam-Ausgabe) zunächst im Rucksack mitgeschleppt, weil diese wechselnde Erzählweise sich gut für kurze Lesezeiten zwischendrin eignete und später lag es im Bad. Auch dort sind kurze Texte immer willkommen.

Hat es mich unterhalten? Nun, wir reden hier von einem ca. 200jährigen Text, mit den üblichen Mammutsätzen. Wenn Ihr findet, dass ich zuviele verschlungene, unendlich anmutende Sätze schreibe – bei Texten wie diesem hab ich es abgeschaut … Die Sprache ist umständlich, nicht leicht zugänglich und ich bin froh, dass ich dergleichen gewohnt bin, sonst hätte ich es in die Ecke geworfen. Murrs Abenteuer waren eher … langweilig. Eine Tour mit einem Pudel, mehrere nächtliche Sitzungen mit anderen jungen Katern auf dem Dach, ein kleines Liebesabenteuer zwischendrin – aber alles nicht mal spannend geschrieben.

Anders dagegen die Geschichte vom Kapellmeister, die Abenteuer und Geheimnisse hatte.

Es zeigt sich wieder, eine gute Geschichte muss Fragen beantworten. Bei Murr kamen keine Fragen auf, bei Kreissler dagegen ständig. Was ist aus der Bastard-Tochter geworden, die der Fürst mit der Hofdame hatte? Wieso wollte der Prinz, der die Fürstentochter heiraten sollte, den Kapellmeister umbringen? Was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Abraham? Viele Fragen, ein paar davon sind bisher erst geklärt, aber einiges wäre wohl im nie veröffentlichten dritten Band beantwortet worden.

Die Kreissler-Geschichte hätte ich gern zu Ende gelesen …

Man merkt am Stil natürlich, aus welcher Zeit das Buch stammt, aber auch die Ideen des selbstzufriedenen Bürgers (Murr, stellvertretend) und des idealisierten Künstlers, dem die Reaktion seiner Umwelt nicht so wichtig ist (Kreissler) ist eine sehr romantische Idee und datiert das Werk ebenso.

Leider unvollständig, aber ein Klassiker. Bin froh, dass ich damals meinem Instinkt gefolgt bin, die Reclam-Ausgabe mal so „mitzunehmen“ (ja, ich hab sie bezahlt, natürlich!)

Immerhin – ich kann guten Gewissens einem literarischen Werk mal wieder 5 von 5 Kokosnüssen geben und werde mir ein ähnliches japanisches Werk nun auch antun: I am a cat, by Soseki Natsume. Ist auch auf Deutsch erhältlich, aber ich bin nicht willens, dafür knapp 50 Euro für ein Taschenbuch hinzublättern, wenn ich es auf Englisch für knapp 19 bekommen kann oder als Kindle-Text sogar für 13,32 …

Dieses japanische Pendant zu Murr ist 100 Jahre jünger als Murr (also, fast) und damit schon selber über 100 Jahre alt. Ein Klassiker der japanischen Literatur.

 

 

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3 Antworten zu “Buch 6/2019 – unchallenged ;)

  1. Das Lesen der Klassiker kann ein Augenöffner sein. Es gibt Bücher, von denen Sie wissen, dass sie Teil des kulturellen Melieus sind, aber Sie haben noch nie gelesen, weil „ich komme eines Tages dazu!“ DON QUIJOTE ist ein solches Buch. Als ich es endlich las, war ich erstaunt, wie unterhaltsam es ist und wie gut geschrieben wurde.

    Was ETA Hoffmann betrifft, so bin ich seiner Arbeit am nächsten gekommen, die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Seltsam, dass ich nicht wusste, dass es auf geschriebenen Geschichten basierte, dass Hoffmann eine echte Person war! Ich bin froh, heute etwas gelernt zu haben.

If I promise to read it, can I convince you to comment? Wenn ich verspreche, dass ich es lese, kann ich dich überzeugen, zu kommentieren?

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