Herzogin Aurelie und der Weiße Theresien-Stab

Die junge Herzogin fühlte sich gar nicht gut. Das war zu erwarten, hatte ihre Mutter ihr gesagt – und so hielt sie sich tapfer aufrecht, auch wenn ihr sterbenselend war. Sie ging mit ihrem Mann in die Kirche, dieses geradezu wollüstig ausgemalte und verschnörkelte Bauwerk voller Gold und halbnackter Engelchen. Wie schön war doch die einfache, weiß ausgemalte Kirche daheim bei ihren Eltern gewesen. Doch hier, hier war alles prunkvoll, schwülstig geradezu. Daheim ein schlichtes Kreuz über dem Altar, hier ein gequälter Heiland in allen blutigen Details. Auch das drehte ihr den Magen um. Und der Weihrauch noch dazu – so etwas war sie nicht gewohnt. Daheim roch man nach Seife, manchmal auch sanft nach ein wenig Essenz, zarte Düfte und nicht diese Wolken, die es ihr noch unerträglicher machten.

Nein, Herzogin Aurelie war nicht glücklich. Aber sie hatte auf Geheiß ihres Vaters den Herzog geheiratet, seine Religion angenommen und sich daher den neuen Sitten und Gebräuchen hier zu unterwerfen.

Was ihr auch schwer fiel, war dieses rauf und runter im Gottesdienst, knien, stehen, sitzen, stehen, wieder knien oder war es wieder sitzen? Sie machte es ihrem Manne nach, aber verstand immer noch nicht, wann sie wo zu sein hatte. An Tagen, an denen ihr Mann sie nicht begleiten konnte, ging sie mit einer Hofdame in den Gottesdienst, die ihr dezent anzeigte, was nun erforderlich war.

Das Volk hatte gemurrt, als sie ankam, sie Ketzerin genannt und noch immer wurde sie kritisch beäugt. Daher war es so wichtig, dass sie alles hier richtig machte, hier, wo man sie sah. Daher war es auch wichtig, jeden Tag zur Kirche zu gehen, auch wenn ihr immer so übel war und sie den lateinischen Sermon des Priesters nicht verstand. Latin lernten daheim die Frauen nicht. Französisch, Spanisch – ja, aber nicht Latein.

Dieses Christentum hier war ihr so fremd, und mit der anderen Sprache wurde es nicht barmherziger. Dabei hätte sie so gerne Trost aus den Worten des Priesters gezogen. Aber sie verstand seine Worte nicht. Oh, die Predigt schon, die war immer voller Sünde und Hölle und dass man besser ewig lebte, denn nach dem Tod würde man nur leiden. Doch Aurelie wusste nicht, ob sie noch lange leben würde. Viele junge Frauen überlebten die Geburt nicht – und sie würde ihrem Herzog bald schon ein Kind schenken, hatte ihre Mutter ihr geantwortet, als sie ihr schrieb, dass ihr immer morgens so schlecht war.

In der stickigen Kirche mit den vielen Leuten und ihren Ausdünstungen wurde ihr wieder schwindelig. Und sie blickte auf die Gottesmutter mit dem toten Heiland auf dem Schoß – nun Maria hatte es ja auch als junge Frau überlebt – und manches Weib hatte auch viele Kinder geboren – und verloren – vielleicht war ihr Ende ja doch nicht so nah? Aber der Anblick Marias, die im ihren Sohn trauerte, gab ihr keine Kraft

Die Messe ging an ihr vorüber. Sie kämpfte gegen die Übelkeit, lächelte tapfer ihrem Manne zu (ihre Mutter hatte ihr klar gemacht, dass sie den Herzog mit diesem Weiberkram in Ruhe lassen musste), schaute angemessen ernst, bei den Worten des Priesters und stand auf, kniete nieder, setzte sich, stand auf – bis die Messe endlich vorbei war. Kein Trost, keine Unterstützung in dieser Kirche für sie.

„In nomine patri et filii et spiritu sancti“

„Amen“ scholl es aus allen Kehlen, auch aus ihrer

Beim Verlassen des Herzogsgestühls, wurde ihr schwarz vor Augen, blind griff sie nach vorn, um einen Sturz zu vermeiden, da, ein weißer Holzstab, dessen Farbe bereits abzublättern schien, Aurelie griff zu. Es war der Stock der Heiligen Theresa, die hier, wie alle anderen Frauen in dieser Kirche auch, als Leidende abgebildet war, anstatt ihre Verdienste zu würdigen. Doch dieser Stock ermöglichte es Aurelie, einen Sturz zu vermeiden – er schien fast aus der Hand der Statue ein wenig nach unten gerutscht zu sein. Gut, dass sie nicht daran gezogen hatte. Aurelie richtete sich wieder auf und folgte ihrem Mann. Dankbar warf sie einen Blick auf das Gesicht der Heiligen. Heute Abend würde sie beim Nachtgebet die Heilige Theresa nicht vergessen, gegen Theresiens Leiden ging es ihr doch gut!

 

*Es ist nicht der ursprünglich gedachte Konflikt der Heiligen gegen die Herzogin. Wir haben hier nur einen Konflikt von Aurelie mit der Gesellschaft und dem neuen Leben, keinen Konflikt Theresa – Aurelie, wie ich ihn zuerst im Kopf hatte. Theresa trägt dazu bei, dass Aurelie das neue Leben annehmen kann. Aber so geht es mir meist mit Kurzgeschichten, bei denen ich eine bestimmte Richtung im Kopf habe.*

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6 Antworten zu “Herzogin Aurelie und der Weiße Theresien-Stab

  1. super geschrieben, ich kann jedes detail sehen… prima…

  2. Feine Geschichte! Arme Aurelie! Was macht der Herzog dann weiter mit seiner ketzerischen Frau? 😉

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