Heute in den Nachrichten

600 Leute sprachen gestern mit ihrem Oberbürgermeister. Einer beklagte sich darüber, dass es nicht hinnehmbar sei, dass er Angst haben müsse, wenn er abends von der Arbeit komme.

Ein anderer wollte die Berichterstattung der Medien nicht hinnehmen, die hätten „das doch hochgekocht“ – und meinte damit die Berichterstattung über die rechtsradikalen Ausschreitungen, nicht etwa die über den Mord an einem 35-jährigen mit deutscher Staatsbürgerschaft, verdächtig sind (noch gilt die Unschuldsvermutung) zwei nicht deutsche Staatsangehörige, die sich bereits in der Untersuchungshaft befinden. (Wo ist da eigentlich die Aussage „Bin ich froh, dass sie den haben“, die bei jedem Deutschen Triebtäter kommt, weil man trotzdem davon ausgeht, trotz aller Berichte, dass dieser Täter eben ein Einzelfall ist.)

Ich stimme dem zweiten halb zu. Die Medien haben das hochgekocht, das mit dem Mord – die Angstmacher würd ich sie nennen. DIE deutsche Boulevardzeitung gefiel sich mit Viertelseiten-großen Lettern in denen sie das Wort MORD fasste. Daher sehe ich einen direkten Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und der Angst!

Solang die Bürger sich nicht davon frei machen, ihren Gefühlen mehr Glauben zu schenken und ihre Gefühle für WAHRER empfinden als die Fakten (ja, Statistiken kann man fälschen, aber im Bereich Mord/Totschlag/Tötung ist da wenig Spielraum in der offiziellen Polizeistatistik), solange werden sie IMMER mehr Angst haben, als sie müssen.

Quelle für die folgenden Aussagen:

PKS Bundeskriminalamt, 2017, 

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2017/pks2017Jahrbuch4Einzelne.pdf?__blob=publicationFile&v=4

Und

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2017/pks2017Jahrbuch2Opfer.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Das erste ist eine Publikation über einzelne Straftaten, das andere ist die Opferstatistik.

In dieser steht:

„die deutschen Opfer mit 77,5 % (781.861 Opfer)

…  nichtdeutschen Opfern (22,5 %)“

Und jetzt schauen wir uns mal an, wie sich die Einwohnerzahl aufteilt:

Wir haben 81 Millionen Einwohner in Deutschland, davon sind 17 Millionen Leute mit keinem deutschen Pass. Das sind 20.9 Prozent Leute, die entweder selber Ausländer sind. Und 22.5 % der Opfer sind Ausländer. Eine geringe Diskrepanz, die überdurchschnittlich viele ausländische Opfer hat.

Kommen wir jetzt zu den Tatverdächtigen:

1.375.448 Deutsche 599.357 Ausländer (ohne ausländerrechtliche Verstöße, also Verstöße gegen Aufenthaltsbestimmungen). Bei beiden Gruppen hat sich die Zahl zum Vorjahr 2016 verringert. Ja, Tatverdächtige sind zu 33 % Ausländer.

Quelle auch hier wieder die offizielle Polizeistatistik.

Was kann ich daraus ersehen? Dass die Gefahr Opfer einer Straftat zu werden, für Ausländer höher ist, als für Einwohner. Und dass mehr Ausländer als Deutsche (relativ gesprochen) einer Straftat VERDÄCHTIGT werden (ein Fall wird immer dann gezählt, wenn die Akte bei der Polizei ausermittelt ist und an die Staatsanwaltschaft abgegeben wird, weil der Polizei die Verdachtsmomente nach der Ermittlung ausreichen). Das kann, muss aber nicht bedeuten, dass Ausländer mehr Straftaten begehen – dass sie überproportional oft verdächtigt werden, kann auch daran liegen, dass gewisse Vorurteile eine Rolle spielen. Dass auch unsere Polizei-Beamten nicht immer neutral sind da Vorurteile wirklich JEDER hat (nicht nur jeder Polizist, nein, JEDER hat Vorurteile!), ist ja nicht erst seit dem derzeit wegen einer politischen Karriere in Bremen beurlaubten Bundespolizisten durchaus ein Thema.

Was ist für mich persönlich die Schlussfolgerung?

Gefühle dürfen nicht Grundlage des (politischen) Handelns sein. Wir sind hier nicht bei den Neanderthalern. Denen hat das auch nicht geholfen …

Wenn jemand ANGST hat, sollte er sich auch immer selbst hinterfragen, ist meine Angst denn rational? Und ich bin mir nicht sicher, dass das hier so gerechtfertigt ist.

Ich zum Beispiel bin Arachnophobikerin. Diese Angst ist heutzutage (im Gegensatz zu vor einigen Jahrmillionen) hier in Europa unbegründet. Wenn ich diese Angst habe, dann sollte ich bei MIR anfangen, wenn ich etwas ändern will. Denn man kann gegen diese unbegründete oder wenig begründbare Angst etwas tun. Aber die Schwelle dazu setze ich erst, wenn mein Leben dadurch beeinträchtigt wird. Und da ich durchaus mit Spinnen lebe (wenn sie nicht zu groß sind, in den Ecken bleiben und brav ihre Aufgabe der Insektenreduzierung ausführen), sehe ich derzeit keinen Grund, diese Angst in mir zu bekämpfen.

Nun, die Bürger in dem Ort, die mit ihrem Bürgermeister gesprochen und ihre Ängste dargelegt haben, sollten sich auch fragen, ist die Angst berechtigt. Ist diese eine Gewalttat gegen einen 35-jährigen mit deutscher Staatsangehörigkeit, bei der die Verdächtigen gefasst sind, wirklich ein Grund, jetzt zu zittern und sich bei Dunkelheit nicht aus dem Haus zu trauen? ICH sag nein. Ich fahre oft mit Leuten in der Bahn oder im Bus, die vermutlich keine deutsche Staatsangehörigkeit haben. Einige davon sprechen arabisch, einige türkisch, einige sprechen chinesisch, andere sprechen russisch (was viele nicht wissen, nicht alle, die über die Spätaussiedlerparagraphen kommen, kommen hier an und werden Deutsche). Ich habe mich in der Bahn schon mindestens dreimal mit Leuten gestritten. Alle drei waren Deutsche. ALLE DREI. Sprachen deutsch, beschimpften mich auf deutsch, „sahen aus wie Deutsche“ … ähem … man kann einer Person ihre Staatsangehörigkeit nicht von außen ansehen … bei keiner Person war ein Akzent oder ein Dialekt zu hören.

Wisst Ihr vor was ich Angst habe (also, außer vor Spinnen?)

Davor, dass wir wieder wie Neanderthaler werden. Dass unsere Gefühle unser Handeln bestimmen. In der Liebe sollen sie das meinetwegen. Aber bitte nicht in der Politik. Benutzt bitte Euren Verstand und hinterfragt, was Euch als Schlagzeile ATTACKIERT … Denn die Zeitung mit den großen Buchstaben, DIE lebt davon, dass die Leute Angst haben, dass Unfrieden im Land herrscht, dass ein Teil der Bevölkerung gegen einen anderen aufgebracht wird. Die reiben sich die Hände bei jeder Aussage, dass wir „Angst“ haben. Dann waren sie erfolgreich und können uns weiter ihr Gift füttern.

 

 

 

 

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2 Antworten zu “Heute in den Nachrichten

  1. Die Zeitung mit den großen Buchstaben ist ja auch eine wahre Schande für den Journalismus insgesamt

If I promise to read it, can I convince you to comment? Wenn ich verspreche, dass ich es lese, kann ich dich überzeugen, zu kommentieren?

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