Punkt, Punkt, Punkt 2017 – (42) – Zeitzeugen

Eine gute Frage. Wer oder was ist denn ein Zeitzeuge. Jeder von uns lebt(e) in irgendeiner Zeit und kann die Geschehnisse darin bezeugen (wenn nicht die Demenz zugeschlagen hat.)
Aber unter dem Wort Zeitzeugen verstehen wir dann doch noch etwas anderes, nicht wahr? Leute, die umwälzende Ereignisse mit erlebt haben.

Mein Großvater z.B. und meine Großmutter waren solche Zeitzeugen.

Denn mein Großvater, Jahrgang 1910, hat das Kaiserreich erlebt – während der ersten zwei Jahre seines Schullebens hing doch Wilhelm der Zweite an der Wand,d.h. wenn in der zweiten Hälfte des 1. Weltkrieges noch Schulunterricht stattfand, aber das war ja noch ein Krieg, der auf Schlachtfeldern ausgetragen wurde. Großvater hat die Hungerjahre hinterher durchgemacht und war schon aus der Schule, aber noch nicht volljährig (das wurde man erst mit 21) als es zum Börsencrash kam (1929). Vier Jahre später, Opa war gerade 23, wurde Hitler mit der Regierungsbildung beauftragt. Opa spielte damals Trompete – so am Wochenende, bei Tanzveranstaltungen, in Ostpreußen, auf dem Land. Eine Ausbildung, wie er sie gerne gemacht hätte, als Groß- und Außenhandelskaufmann konnte sich sein Vater nicht leisten, die kostete noch Geld, denn er hatte viele Kinder und die Mädels bekamen eine Ausbildung (mein Urgroßvater dachte fortschrittlicher als manche Väter in den 50ern), meist im Hauswirtschaftsbereich. Seine Älteste spielte Klavier und gab Klavierstunden. Seinen jüngsten Sohn, Georg, schickte er aufs Gymnasium, musste ihn aber wegen der Geldsache wieder runter nehmen – denn auch für das Gymnasium galt: Es kostete!

Opa hatte noch einen Bruder, also, noch zwei, aber ich meine hier meinen Großonkel Konrad, der bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 ein Instrument spielte (ich weiß aber nicht mehr, welches) – und dabei zog er sich eine Lungenentzündung zu, an der er starb (Penicillin wurde erst 1941 ausreichend rein hergestellt). So Opas Erzählung dazu. Das Wetter bei der Eröffnung war jedoch gut, es war August … Auch Zeitzeugen können unzuverlässig sein.

Opa wurde Militärmusiker – bis ihm im Krieg, an dem er teilnahm, in Frankreich ein Arm gebrochen und die Zähne ausgeschlagen wurden. Er lag auf der Ladefläche eines Lastwagens und schoss seinerseits mit einem Maschinengewehr, man befand sich auf dem Rückzug – und dabei traf ein Geschoss des Feindes das Gewehr, das nun wieder seinen Bediener „schlug“ – wer mal so ein echtes Maschinengewehr gesehen hat, weiß, wie schwer die Biester waren. Mit einer Maschinenpistole, die wir immer mit Maschinengewehr verbinden, hatte das nichts zu tun!

Danach lernte Opa Russisch, um nicht gleich nach dem der Arm geheilt war, wieder an die Front zu müssen, denn sein Ansatz war nun flöten – ohne Zähne. Für Russisch räumte man ihm 6 Monate ein – danach wurde er als Übersetzer in den Osten geschickt. Viele Details gab er nicht preis, ich denke er fühlte sich schon auch schuldig – denn eines der Zeugnisse, die ich von ihm gehört habe, beschreibt eine Folterszene, die er sehr dezent erwähnte – und ganz und gar nicht stolz war er, der Wehrmachtssoldat da auf das Verhalten der deutschen Wehrmacht, Herr Gauland!!

Es ging um eine Befragung einer Frau, die im russischen Widerstand war, sie haben sie mit dem nackten Hintern auf die (ja, heiße) Herdplatte eines Ofens gesetzt … Also, bei der Tat geholfen hat Opa nicht, aber man hatte ihn natürlich dazu geholt, weil er der Übersetzer war. Er war nicht glücklich damit, wirklich nicht, andererseits – der Widerstand bedrohte natürlich das Leben von ihm und seinen Kameraden. Und er konnte nun mal nicht einfach weg – das wäre Desertation und er wäre dafür, wenn man ihn wieder eingefangen hätte, hingerichtet worden. Aber hier sprach ein Zeitzeuge – Herr Gauland, lesen sie! – er war nicht stolz auf diese Taten der Wehrmacht – und das was da geschah, war ja nicht mal das Schlimmste, was die Wehrmacht angestellt hat. Mit ihrem „wir können stolz sein auf die Taten der Wehrmacht“ liegen Sie definitiv daneben, Herr Gauland!

Zu dem Zeitpunkt war mein Opa schon verheiratet und zweifacher Vater. Ich denke, das war mit einer der Gründe, warum er einfach nur versuchte, zu überleben ohne von den eigenen Offizieren erschossen zu werden oder vom Feind niedergemacht zu werden. Später, nach dem Krieg, war er zunächst in britischer Gefangenschaft und hat dann seine Familie gesucht – aber nur meine Mutter fand er, lange nachdem er die Hoffnung aufgegeben hatte, als sie mich schon erwartete. 23 Jahre nach Kriegsende.

Mein Opa kannte also auch die Besatzungszeit, die Essensmarken, die Personensuchmeldungen im Radio – ein Zeitzeuge eines sehr bewegten Jahrhunderts.

Er hat die erste Große Koalition der Bundesrepublik erlebt, den Wechsel zur Sozial-Liberalen Koalition, er hat noch fast Kohls gesamte Regierungszeit erlebt (82 bis 98), incl. Wende und Mauerfall. Auch Perestroika und Glasnost sah er noch, aber 1998 starb er mit 88. Einen Tag nach seinem 88. Geburtstag.

Meine Oma ist 1923 geboren (seine zweite Frau, die er 1957 ehelichte, als er seine erste, vermisste Frau für tot erklären ließ), hat zum Kriegsende in der Tschechei auf einem Deutschen Fliegerhorst in der Vermittlung gearbeitet (nein, sie legte Wert darauf, KEIN Blitzmädel gewesen zu sein, damit verband sie wohl Frauen, die sich leicht ansprechen ließen) – und dort erreichte sie das Kriegsende, auf einem Treck nach Deutschland wurden ihr die Schuhe gestohlen, wurde sie mit Vergewaltigung bedroht (sie floh aber, während sich eine weitere ihrer Freundinnen mit einer Lüge in Sicherheit brachte), und lernte ihren ersten (Beinahe)-Ehemann kennen. Beinah, weil der Lumpenhund bereits verheiratet war und anders als mein Opa seine erste Frau nicht erst suchen ließ oder für tot erklären. Dann stellte sich, nach zwei Kindern heraus, dass der Vater dieser Kinder eigentlich doch noch mit seiner Österreicherin verheiratet war, das sind ja alles Katholiken, eine Scheidung war daher nicht möglich, er verließ sie und sie war wieder Fräulein Müller, denn die zweite Ehe eines Bigamisten ist ungültig, sie stand allein mit zwei „unehelichen“ Kindern. DAS war in den End-Vierzigern, Anfang 50ern eine harte Sache. Er zahlte nicht mal Unterhalt aus Österreich, als würden die Kinder nicht mehr existieren, nur weil die Ehe rechtlich nicht existiert hatte.

So fand sich meine evangelische, westpreußische Großmutter mit meinem katholischen, ostpreußischen Großvater zusammen, man heiratete, mein Opa nahm die Kinder mit seinem Familiennamen unter seine Fittiche und so wurden die Stiefgeschwister meiner Mutter Familienmitglieder. Das war 1957, alles war wieder gut, meine Oma zog natürlich aus der Kleinstadt, in der sie mit einer Schwester lebte, nun zu ihrem neuen Ehemann in einen weiteren kleinen Ort, baute sein erstes Haus mit- baute mit ihm noch eines, das andere bekam später ihr Sohn (also, er musste es bezahlen!! Geschenkt gab es das nicht!) und fuhr dazwischen mit meinem Opa bis in einen damals eher westlichen Iran (ich habe ein Foto davon gesehen). Ohne Sprachkenntnisse. Meine Oma konnte Polnisch, fließend, da sie als Kind in eine polnische Schule gehen musste, in der Deutsch verboten war. Und sie konnte ein paar Brocken Spanisch, weil wir spanische Gastarbeiter im ersten Haus meiner Großeltern wohnen hatten (also auch das mit den Gastarbeitern ist Zeitzeugen-Wissen). Alles andere war Hand- und Fuß und guter Wille auf beiden Seiten. Nix mit Google oder Apps … Auch nix mit Google Maps oder Navi. Opa sagte zu Oma immer: „Frag den doch mal!“ wenn er nicht weiter wusste und Oma fragte dann … Zu der Zeit hörten Frauen noch auf Aufträge ihrer Männer.

So zur Zeit des Vietnamkrieges und der Proteste dagegen wurde ich dann geboren und wanderte nach drei Monaten rüber zu ihnen. Nein, nicht selbständig. Ab da konnte ich auch Zeitzeugin werden. Aber erst mit den Olympischen Spielen 1972 und den Terroristen dort setzt so irgendwann meine Erinnerung ein (hallo? Ich war noch nicht 4 als die Olympischen Spiele stattfanden, das ist schon eine Leistung, dass ich mich da an überhaupt etwas erinnere). Auch die RAF-Zeit habe ich mitbekommen, die Fahdnungsplakate, auf denen eine Frau mit MEINEM Vornamen drauf war … nicht ganz vom Anfang an, aber spätestens die Terrorakte 1977 sind mir im Gedächtnis geblieben (ich war nicht besonders politisch interessiert, aber mein Opa sah eben viel Nachrichten und ich lernte mit der BILD lesen, die Opa abends von der Arbeit in einer Gießerei nach Hause brachte).

Und als ich in den 80ern ein Teenager und später ein Twen wurde, die Öko-Revolte, und die Friedensbewegung erlebte (die ich damals schon für unglaublich naiv hielt, das ist nicht besser geworden) und dann 1989 den Mauerfall erlebte, wurde ich selber zur dann auch zuverlässigeren Zeitzeugin. (Die frühkindlichen Erinnerungen sind ja sehr unzuverlässig). Und jetzt, jetzt bin ich fast 50, GroKo ist mehr oder weniger zum Normalzustand geworden (eigentlich logisch, definieren sich doch beide Große Parteien als „die Mitte“) und ich erlebe so Dinge wie den ersten farbigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, die BREXIT-Verhandlungen, das Wiedererwachen des russischen Bären, den Aufstieg Chinas von einer zentralasiatischen, wirtschaftlich zurück gebliebenen Nation zu einer wirtschaftlichen Großmacht – wie man im Chinesischen so schön sagt (jedenfalls angeblich): Mögest du in interessanten Zeiten leben, oder wie Robert Kennedy tatsächlich gesagt hat:
Ob wir es wollen oder nicht, wir LEBEN in interessanten Zeiten.

Was an Weltbewegendem habt IHR schon erlebt?

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22 Antworten zu “Punkt, Punkt, Punkt 2017 – (42) – Zeitzeugen

  1. Sehr interessant, da hast du wirklich Einiges mitbekommen. Meine Großeltern waren nicht so gesprächig wenn es um das Thema Krieg ging, da wurde viel verdrängt, vergessen kann man solche Erlebnisse wohl kaum. Ja, den Kaiser Wilhelm haben sie noch gesehen, 2 Kriege erlebt, mussten ihren Sohn nach Russland ziehen lassen, haben alles verloren, aber überlebt. Hätte auch anders enden können, dann wäre ich nicht hier… 🙂

  2. Das war so interressant zu lesen von der Opa Zeit. Die Wandel der Zeit und was man erlebt hat.

  3. Wahre Zeitzeugen! Ich bin sehr beeindruckt.
    LG
    Sabienes

  4. Sehr spannend ! Danke für den Bericht ! Diese Generation hat wirklich kein Glück gehabt und 2 Weltkriege miterleben müssen.
    Nicht dass wir irgendetwas daraus gelernt hätten. Wenn es heute in D einen Gauland gibt, der allen Ernstes erklärt, dass man auf das Verhalten der Wehrmacht stolz sein sollte und ein deutsches Bundesland in dem die Partei dieses Menschen den ersten Platz bekommen hat, was soll man da sagen …..

    • Erinnern soll man an die, die dabei waren und es besser wissen als der Herr Gauland – und die, die sich trauten darüber zu sprechen, soll man weiter, auch wenn sie inzwischen verstorben sind, zu Wort kommen lassen. Denn Gauland war NICHT DABEI! Der ist erst 1941 geboren, da war mein Opa schon zweifacher Vater.

      • Abgesehen von Gauland, ist 1941 noch mitten im 2.Weltkrieg.
        Auch zu der Zeit kann man schon viel erlebt haben ! Ich war auch noch ein Kind aber viel hautnah in dieser Zeit erlebt. z.B.wäre ich fast verbrannt.

      • Der ist 1941 geboren – der war 4 als der Krieg vorbei war. Ich weiß nicht, woran du dich noch selbst sicher erinnern kannst – er bestimmt nicht an viele Details. Ja, das eine oder andere Ereignis, aber bestimmt keine Heldentaten der Wehrmacht!

  5. Hallo Frau Hunne,
    da hast du ja wirklich Zeitzeugen der Extraklasse um dich gehabt. Vieles der Dinge die du schreibst, waren zu dieser Zeit ja alles andere als selbstverständlich. Zum Beispiel die „unehelichen“ Kinder der Partnerin in die Obhut zu nehmen und zu adoptieren. Meine Urgroßmutter hatte dieses Glück auch. Nachdem ihr erster Mann gefallen war, fand sie mit ihren 5 Kindern meinen Urgroßvater, der die Familie annahm.
    Die Erlebnisse als Übersetzer waren sicher sehr unangenehm für deinen Großvater, aber, wie du selbst schreibst, musste er versuchen zu überleben.
    Wir sind (ich bin ja in deinem Alter) auch Zeugen einer bewegten Zeit. Die Fahndungsplakate der RAF haben mir als Kind immer schreckliche Furcht eingeflößt.

    Liebe Grüße
    Sandra

  6. Einen wirklich reichhaltigen Schatz an Erinnerungen, an Zeugnis von Zeugen der Zeit hast Du hier ausgebreitet. So viel gelebtes Leben, so viel gelebte und bewegte Zeiten, ja, wir leben in einer „spannenden, aufregenden“ Zeit!
    Danke fürs Erzählen und Teilhaben,
    herzlichst moni

  7. Wir haben ähnliche Erinnerungen, die RAF-Zeit, Helmut Schmidt, dann Kohl, der beinahe ewige Kanzler… Wettrüsten, Ostermärsche, Strauß, Wehner, Brandt…
    Nur von meinen Großeltern habe ich leider nicht so viel Erinnerungen geschildert bekommen. Väterlicherseits waren beide zu früh verstorben, und mütterlicherseits gab es wenig, zumindest über die 12 finsteren Jahre, zu reden, mein Großvater meinte nur immer, die Juden seien Unkraut („guck, was die in Palästina anrichten“), damit war das Thema durch.
    Meine Mutter ist 1938 geboren, ist allerdings auf einem Bauernhof aufgewachsen und erinnert sich zwar noch an Bombenwarnungen, aber BDM und ähnliches ist ihr erspart geblieben. Eine ihrer Schwestern war dabei, redet aber nicht gern darüber.

  8. Wow, Fran, was deine Großeltern erzählt haben war mehr als meine, aber ich habe sie auch nur ein-, zweimal pro Woche gesehen. Mein einer Opa war Hauptmann bei den Schnellen Sturmgeschützen, der andere im Volkssturm in Danzig, beide wollten nur selten darüber reden und sind beide verstorben als ich 14-15 war, gerade als ich sie gerne ausgefragt hätte.

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