Man kann nicht … (5)

Als erstes möchte ich mich bei allen denen entschuldigen, die im Klinikalltag stehen oder standen und es besser wissen als ich, wie es dort wirklich zugeht … Ich bin für Kritik empfänglich, es ist wirklich einfach Nichtwissen, immerhin ist dies die erste Version der Geschichte, noch völlig ungetrübt von irgendwelchen Recherchen.

So, erstes Edit – man sagt nicht mehr Schwester und benutzt auch nicht mehr nur den Vornamen.

Oberschwester gibt es dann wohl auch nicht mehr. Man lebt und lernt. Ich bin nicht so oft im Krankenhaus und habe mich da nicht auf dem Laufenden gehalten. Und als ich doch mal rein musste, war ich so durch den Wind, dass ich das nicht mitbekommen habe.

Mitarbeiterin des Monats

Diesen Monat würde IHR Foto dort hängen. Sie hatte Extra-Schichten geschoben, wann immer es möglich war. Diesen Monat würde Sonja Franz die Mitarbeiterin des Monats sein! Sonst gab es keine Gerechtigkeit mehr!

Sie ging zur Kaffeemaschine. Wieder kein Kaffee in der Kanne! Sie holte Wasser, öffnete die Maschine und sah noch trockene Kaffeepulver – und den vollen Wassertank. Sonja goss das frische Wasser aus und stellte die Kanne wieder auf die Platte. Schalter leuchtete – die Maschine war also angestellt – und Strom war auch da!

„Sonja, gute Seele, ein Kaffee wäre genau das Richtige zum Beginn der Nachtschicht, bevor die freitägliche Hölle über uns herein bricht!“ Stefan vom Rettungswagenteam der nahe gelegenen Feuerwache schaute rein. Er musste wohl schon eine erste Fahrt gehabt haben. Auch ihre Schicht hatte ja schon vor einiger Zeit begonnen, mit der Übergabe von der Spätschicht. Aber jetzt war gerade mal etwas Ruhe eingekehrt, die meisten Patienten schliefen.

„Maschine scheint kaputt zu sein!“

„Was? Ausgerechnet um zweiundzwanzig Uhr?“ Die Vorgesetzte, Frau Bauer, war auch auf einen Kaffee in den Aufenthaltsraum gekommen. Oder sie wollte kontrollieren, was Sonja und Stefan allein im Aufenthaltsraum machten.

„Na, dann eben ohne Kaffee. Das wird eine lange, LAAAANGE Nacht!!“ Sonja seufzte, „bestimmt klingelt gleich wieder Opa Häusler und will irgendwas, wobei ich mich über ihn beugen muss!“

„Bestimmt nicht,“ Gundis Bauer schüttelte den Kopf. „Nicht aufgepasst bei der Übergabe? Herr Häusler ist heute in ein Pflegeheim verlegt worden. Man hatte endlich einen Platz für ihn. Er hat zwar rumgezetert und wollte partout nicht, aber hier blockierte er nun mal ein Bett – er ist ein Pflegefall, kein Akutpatient.“

Sonja wollte gerade antworten, dass sie einen Teil der Besprechung versäumt hatte, weil jemand nach Hilfe geklingelt hatte, als der Alarm los ging. „Station 3 bis 7 bitte zur Verstärkung in die Notaufnahme!“ Oh weh, Massenschlägerei oder Brand in einer Location? Wenn von den Stationen Pflegekräfte abgezogen wurden, war in der Notaufnahme wirklich Tohuwabohu. Dann blieb auf den Stationen nur noch eine Kraft zurück – Intensiv und Geburtshilfe ausgenommen. Der Rest strömte die Flure und Treppen entlang, denn die Fahrstühle wurden jetzt für Betten gebraucht.

Sie eilten mit dem Sani nach unten.

„Unfall, Straßenbahn und Reisebus sind kollidiert. Kinder, auf dem Rückweg vom Schullandheim. Die Eltern sitzen auch schon alle hier!“ Die Kollegin von der Notaufnahme wies sie kurz ein und die nächsten zwei, drei Stunden vermisste Sonja auch keinen Kaffee. Sie verbrachte die Zeit damit, Kinder zu verbinden, hysterische Eltern zu beruhigen, Straßenbahnpassagiere zum Röntgen zu schieben und den völlig verstörten Busfahrer abzuschirmen, der die Straßenbahn wohl übersehen hatte und den einige der Eltern schon lynchen wollten.

Als endlich wieder Ruhe einkehrte, die Kinder zu einem großen Teil in die Betten gesteckt waren („wir behalten sie nur zur Sicherheit eine Nacht hier“) und die Eltern nach Hause geschickt wurden („Sie können hier doch nichts machen, gehen Sie jetzt heim, morgen werden die allermeisten von Ihnen ihr Kind mit nach Hause nehmen können“), verlangte Dr. Müritz einen Kaffee von Sonja.

„Ist ja eine Schande, dass Sie da nicht von selbst drauf kommen, in einer solchen Nacht!“

„Die Kaffeemaschine ist defekt!“

„Da ist aber doch noch ein Heißgetränkeautomat im Erdgeschoss!“

„Den haben die Eltern der verunglückten Kinder schon geleert.“

„Wenn wir nicht so voll wären mit dem Unfall, würde ich sie ja jetzt bitten, Coffee to go zu holen, aber so …“

Dr. Müritz sah mürrisch drein. Kein Kaffee in der Nachtschicht war ja auch eine echte Krisensituation. Doch bevor sie sich alle in kollektives Selbstmitleid versenken konnten, klingelte es schon wieder los. Die Notaufnahme hatte ein paar Schlägereien, und die versorgten Patienten mussten nun auf die Stationen verteilt werden. Angesäuselt, blutend, zu viel Testosteron im Blut – jede Pflegekraft hier liebte diese Patienten. Und auf den Zimmern war kein Platz mehr, so dass sie die Kerle in den Flur stellen und ständig dran vorbei gehen mussten. Hoffentlich hat irgendjemand diese Notaufnahme bei der Rettungsleitstelle abgemeldet. Mehr war wirklich nicht drin!

Draußen in der Novembernacht fiel seit einer guten Stunde Schneeregen. Die Böden waren gefroren. Sonja wusste, das war noch nicht das Ende gewesen.

Stefan kam an – mit einem gebrochenen Bein. „Wie ist denn das passiert, Stefan?“

„Ich war kurz bei dem  kleinen Laden, der bis Mitternacht auf hat und alles mögliche verkauft, als wir von einer Tour zurück kamen – ich wollte Euch eine neue Kaffeemaschine kaufen, weil Ihr alle hier sonst ohne Kaffee aufgeschmissen wart. Und es war ja keine Extratour, lag ja am Weg. Dann fing der Regen an, als ich im Laden war und ich kam mit der Maschine raus, nichts ahnend, auf dem Weg zum RW ist es dann passiert. Jochen hat sich erstmal kaputt gelacht, bis ihm klar wurde, dass ich mehr als nur einen blauen Hintern hatte.“

„Ist die Maschine heile geblieben?“ Dr. Müritz hatte seine Prioritäten.

„Ich schätze schon, sie ist ja weich gefallen und war noch original verpackt!“

„Dann, Frau Franz, holen sie das gute Stück mal her und machen uns erstmal allen einen ordentlichen Kaffee – also, allen außer Ihnen, junger Mann, SIE bekommen eine 1 A-Dosis Schmerzmittel von mir und können danach tief und traumlos schlafen!“

Sonja holte die Maschine vom Rettungswagen ab. „Tja, Jochen, musst wohl irgendwoher Ersatz nehmen. Hoffentlich bekommt Stefan keinen Ärger … Müritz ist jedenfalls heilfroh, dass wir eine neue Kaffeequelle haben!“

Jochen grinste schief.

Sonja wusch erstmal Kanne und Filter aus, ließ einmal Wasser so durchlaufen und befüllte dann die Maschine. Der vertraute Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. Dr. Müritz kam an:

„Da haben wir ja unsere brandneue Mitarbeiterin des Monats: Melitta, die Eifrige!“

Erst war Sonja ein wenig verdutzt, aber dann ergab sie sich lachend mit einem großen Pott Kaffee ausgestattet in ihr Schicksal. Gegen eine Maschine hatte sie einfach keine Chance – die leistete schließlich drei Schichten am Stück, jeden Tag!

Advertisements

16 Antworten zu “Man kann nicht … (5)

  1. BRAVO!!!!! die dr. mueritz figur ist klasse, scheint ein a. zu sein aber ein sympathischer :o)

    • Ich muss ehrlich gestehen, die Hierarchie im Krankenhaus ist mir völlig unbekannt … ich weiß nicht mal, ob es noch Oberschwestern gibt …

      • Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege oder Fachkraft zur Leitung einer Funktionseinheit… weil schwester ist diskriminierend… sagt wikipedia…

      • Gut zu wissen. Obwohl das dann schnell zur Realsatire wird: Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege Gundis hat einfach nicht so den ernsthaften Klang …

      • …ich hab auch meine zweifel ob die fachkraft dann noch zeitnah genug erscheint wenn man sie mit der korrekten/vollstaendigen berufsbezeichnung rufen wuerde… ein Hallo, Schwester is kuerzer ;o)

      • Wenn man sich den Nachnamen merken kann (und ich konnte es bei meiner ambulanten OP nicht sofort), zumal es eine Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Migrationshintergrund war und der Name mir daher fremd war und es mir schwer fiel, ihn mir zu merken …

      • also dann doch lieber schwester ;o) ich hatte es gut, die schwester oder pflegekraft war eine nachbarin, die hiess marie :o)

      • Na, ich hab es jetzt versucht zu ändern … Wir sind halt noch die Generation, die mit „Schwester“ in den Krankenhausserien aufwuchs. Wenn in meiner Klasse jemand diesen Beruf ergriffen hätte, wäre ein Mädel eben Krankenschwester geworden. Das hat sich allerdings schon vor 13 Jahren geändert und ich finde, ich sollte dem Rechnung tragen.

      • yep, wir sind die „alten“ LOL. trotzdem war es net so ganz schlecht schwestern und tanten haben… nur, falls mal was ist :O)

      • Oh, die Leute sind immer noch hilfsbereit, wenn es um Kinder geht!

      • Ich bin jetzt schlauer und muss mir für Gundis noch einen Nachnamen einfallen lassen und ändere Schwester Sonja in Frau Franz …

      • das ist enorm wichtig. meine arme cousine wurde mit hoehnischen worten und einer ablehnung bedacht als sie sich als krankenschwester beworben hat…nun ist sie halt keine schwester dafuer ne tante im kindergarten :o)

      • DAS wurde den Kleinen doch auch schon abgewöhnt, dass alle erwachsenen Frauen, die nicht die Mutti oder Großmutter waren, Tante … waren.

      • nicht in unserem koernerforf hinter den 7 bergen ;o) da gibts solche nicht-verwandtschaftsverhaeltnisse noch ;o)

  2. Ich finde deine Geschichte durchaus nah an der Wirklichkeit.grins..und sehr unterhaltsam.. das kann doch nicht alles ausgedacht sein.. Zwinker..

    Das die Bezeichnung „Schwester“ diskriminierend sein soll, ist doch lächerlich.. egal ob wikisschissmichtot das „schreibt“ Da sollten die Betroffenen selber befragt werden. In meinem Diplom steht „Krankenschwester“, ich werde mich auch nie als Gesundheit- und Krankenpflegerin bezeichnen..denn ich bin keine Pflegerin.. hahaha so ist das.. in der Schweiz heisst es Pflegefachkraft.. und Frau.. soundso.. im Alltag ist das für die meisten Patienten auch schon zu schwer..für mich ist der Vorname und ein Sie angemessen.. und wenn einer Schweeeeester über den Flur brüllt erlaube ich mir meinen Lieblingsscherz und rufe zurück . Paaaatieeeent !
    Gruss S.

    • Danke für die Rückmeldung Susann, denn Ihr zwei steht um Längen näher dran als ich! Die älteren unter uns (also, meine Generation und aufwärts) kennen es halt einfach nicht anders, aber ich frage mich schon, wenn ich in jedem anderen Beruf Herr /Frau – und Nachname benutze, warum muss ich da bei Gesundheits- und Krankenpflegenden (vor 2004: Krankenschwestern/Krankenpfleger)eine Ausnahme machen? Ich finde es schwer in Ordnung von dir, soetwas nicht krumm zu nehmen, aber ich verstehe auch die Gegenseite, die mit mehr Distanz behandelt werden möchte.
      Und was deinen Lieblingsscherz angeht – ich glaube, über den müsste ich auch lächeln (oder lachen, je nachdem, was mir fehlt)
      Ich habe mit ein ganz wenig Unbehagen auf Eure Reaktion gewartet, weil Ihr nun mal die Realität kennt. Doch, doch, ich bin zwar im Öffentlichen Dienst, aber nicht in einem Krankenhaus tätig (obwohl andere das schon als Haus, das Verrückte macht, bezeichnet haben). Und ich kann mir zum Thema Kaputte Kaffeemaschine durchaus eine ganze Serie vorstellen … Ich habe eine lebhafte Fantasie und liebte George Clooney in Emergency Room. *seufz* Außerdem mache ich mein Augen und Ohren ja nicht zu, wenn ich von Pflegenotstand höre oder lese. Ein guter Autor (davon bin ich weit entfernt), orientiert sich an der Wirklichkeit.
      Klar, ich habe auch etwas übertrieben. So spät enden Klassenfahrten normalerweise nicht … Aber man steckt nicht drin und der Bus kann schlicht und einfach auf der Strecke aufgehalten worden sein – Stau, schlechtes Wetter, Reifenpanne …
      Und die rumpöbelnden Randalierer, die im Krankenhaus erst mal ausnüchtern müssen und trotzdem medizinisch versorgt werden müssen – die stehen doch auch schon in der Zeitung, weil es immer mehr werden.

If I promise to read it, can I convince you to comment? Wenn ich verspreche, dass ich es lese, kann ich dich überzeugen, zu kommentieren?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s