Man kann nicht 52 mal hintereinander eine schlechte Kurzgeschichte schreiben (3)

Seminarteilnahme
Ob Ihr es glaubt oder nicht, Ihr könnt es googeln – es gibt sie: Hexenseminare.
Nein, man lernt dort nicht, dem Feuertod zu entkommen, Milch zu säuern und wie lange man einen knochigen Hänsel im Backofen garen lassen muss. Es lernt sich dort etwas über Chakren, über die „innere Göttin“, über Meditation.
Ich wollte soetwas unbedingt mal ausprobieren, ich bin ein neugieriger Mensch. Ich buchte also so ein Wochenendseminar, mit vegetarischer Verköstigung (hat jemand etwas anderes erwartet?) und zog los.
Die Teilnehmerinnen (ja, Geschlechterverteilung Frauen 6 : Männer 0, auch da hat doch keiner etwas anderes erwartet, oder?) setzten sich zusammen aus drei Mit- bis Endvierzigerinnen, die einen tieferen Einblick in das Selbst gewinnen wollten und nach der Pleite mit ihrem letzten Mann/Lover/Job endlich die Macht in sich finden wollten. Ich gehörte zu diesen. Und dann waren da noch die zwei Teenager, die zuviel Charmed gesehen hatten. Sie kamen nur am ersten Abend.
Eine Teilnehmerin aber stach heraus. Ihr Alter war nicht wirklich definierbar, aber ihre Kleidung war fast noch wallender als die der molligsten unter uns (also, als meine) und sie hatte eine reizende kleine Warze auf der Nase, aus der ein Haar wuchs. Ich hatte sie im Verdacht, dass sie das ganze nicht ernst nahm und sich zu gut verkleidet hatte, um nicht sofort als Reporterin enttarnt zu werden.
An ihrem Gürtel hingen kleine Täschchen, wie man sie auf einem Mittelaltermarkt findet. Runde Lederstücke, die am Rand durchlöchert waren, eine Sehne durchgezogen und schon hatte man einen Beutel. Ihre schienen noch neu zu sehen, denn sie rochen sehr eigenartig, das war bestimmt das Färbemittel.
„Man nennt mich Selina,“ so hatte sie sich mit einer leicht schrillen Stimme vorgestellt. „Ich wollte schon immer eine Hexe werden.“
Am Anfang des Seminars stellten wir uns also vor. Dorothee, Ilsegard und ich, dazu Selina und die beiden Kinder (sie konnten noch keine 18 sein), Janine und Yvonne.
Die Seminarleiterin stellte, zu Dekozwecken, einen großen Kristallball in die Mitte, darum herum arrangierte sie Räucherstäbchen. „Schaut jetzt alle tief in diese Kugel und stellt Euch die Frage, was Euch dieses Seminar bringen wird. Lasst Euren Atem zur Ruhe kommen und versenkt Euch in die Tiefe des Kristalls!“
Die beiden Teenies kicherten die ganze Zeit, Ilsegard räusperte sich strafend. Yvonne steckte Ilsegard die Zunge heraus.
Mir machte es zwar viel Spaß, die anderen zu beobachten, aber ich wollte mich auch gerade in den Kristall vertiefen. Da sah ich Selina. Sie war ganz weiß und keuchte. „Ist dir nicht gut?“ murmelte ich, um die anderen nicht zu stören, doch es war noch nicht leise genug, nun musste auch ich Ilsegards Eisblick ertragen. Die zwei Teenager kicherten wieder.
Selina antwortete nicht. Ich sah zu unserer Seminarleitung hinüber, die diese Übung mitmachte, „wegen der magischen Zahl“, aber sie war so auf den Ball fixiert, dass ich ihre Aufmerksamkeit nicht erringen konnte, ohne wieder einen Laut von mir zu geben. Aus Rücksicht auf die anderen wollte ich das nicht. Ich schaute also zu Selina, die angefangen hatte, leicht zu zittern. Da schrie neben mir Dorothee auf und brach den Bann.
„Was ist denn Dorothee?“
„Da hat sich etwas in der Kugel bewegt! Etwas Warziges, Massiges, mit vielen spitzen Zähnen!“
„Wir sind hier nicht beim Herrn der Ringe, Dorothee“ wies sie die Seminarleitung zurecht. „Du solltest heute Abend mal ein paar Stunden in der Wanne liegen und Entspannungsmusik hören!“ Mit diesen Worten reichte sie Dorothee eine Doppel-CD über den Tisch.
Selina neben mir atmete jetzt wieder normal. Ich fragte sie leise, was sie denn gesehen habe, doch sie schüttelte nur den Kopf.
Dann war es Zeit in unsere Unterkünfte aufzubrechen.
Am nächsten Morgen, nachdem wir einen dieser unsäglichen Morgenkreise gebildet hatten und ihn sogar verlängert hatten, wussten wir, dass die zwei Kinder nicht zurück kommen würden. Ilsegard hatte sie weggestarrt. Nun, an mir war ihr böser Blick abgeperlt.
Selina sah nicht so aus, als wenn sie gut geschlafen hatte, trank nur einen Becher mit heißem Wasser, in das sie ein paar getrocknete Kräuter krümelte.
„Mmm, was sind denn das für Kräuter? Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen das Kiffen, aber ich finde, wir sollten hier drogenfrei bleiben,“ sagte die Seminarleitung, als sie wieder eintrat, nachdem sie sich eine Zigarette vor der Türe gegönnt hatte.
„’s ist nur Sagenkraut.“
„Ach, Verbene. Ja, das ist natürlich etwas anderes, ich will halt nur nicht, dass uns irgendein Nachbar, dem das Ganze hier sowieso suspekt ist, die Drogenfahndung herschickt und die dann irgendwas Illegales hier finden.“
Selina hatte heute einen Besen mit.
„Besenrituale machen wir erst im Fortgeschrittenen-Seminar,“ wies sie die Seminarleitung zurecht. „Und dann auch nur spezielle Besen, nicht diese Allerweltsdinger aus Polen.“
Selina stellte ihr „Allerweltsding“ in die Ecke.
Die nächsten Stunden wurden wir über Steine und ihre Wirkungen belehrt, wozu die Seminarleitung ein von ihr geschriebenes Buch empfahl (wie gestern schon zum Thema Räucherwaren, ich glaube, zum Thema Kräuter gibt es auch noch eines).
Das Echo auf diesen dezenten Hinweis blieb verhalten, was ein leicht Frustiertes „Ihr könnt es euch ja noch bis zum Ende des Seminars überlegen,“ auslöste.
Beim Super-Seminar-Sonderangebot von 35 Euro (pro Büchlein) war nicht zu erwarten, dass sich die Nachfrage noch vergrößern würde. Ilsegard hatte natürlich bereits alle drei Bücher gestern erworben, noch vor der Vorstellungsrunde.
Vor dem Abschied wurde noch einmal meditiert. „Und jetzt stellt Euch etwas Schönes vor, etwas, das Ihr schon immer haben wolltet, etwas Kraftvolles und Beeindruckendes“ leitete die Seminarleitung die Meditation.
Wir starrten auf die Luft vor uns und Ilsegard malte sich bestimmt eine Eiserne Jungfrau aus. Mir wollte partout nichts einfallen, ich schaute zu Selina neben mir, und erschrak. Vor Selinas Nase hatte sich ein Loch in der Luft gebildet und durch dieses Loch tapste ein Drachenbaby, frisch geschlüpft auf sie zu. Selina lächelte selig und streckte die Hand nach dem kleinen Drachen aus. „Nein,“ entschlüpfte es mir. Wo ein Junges, da doch auch fast immer eine Mutter. Und Mütter mögen es nicht, wenn man ihre Kleinen stiehlt. Ich sollte recht behalten.
Ein massiger, warziger Kopf schoß durch das Loch und holte den Kleinen zurück. Doch das Loch war nicht wieder zu, sondern der Kopf kam zurück. Da griff Selina in einen ihrer Beutel und holte einen vor sich hin modernden Molch heraus. Was sie auch immer in der spinnwebigen Sprache der Magie sagte, es ließ den Molch anschwellen, bis er die Größe des Lochs erreicht hatte und sich ganz davor legte. Und keine Sekunde zu früh. Von der anderen Seite kam eine Flamme, aber der Molch hielt sie auf der anderen Seite des Lochs und als er platzte, schloss sich das Loch.
Selina saß da, Tränen in den Augen. „Ich war so nah dran“. Die anderen hatten sich in eine Ecke des Raums verzogen, ganz hinten die Seminarleitung. „Ich, ich … ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst!“ Selina nahm den Besen und stieg vor der Tür auf. Sie entschwand im Vollmond.

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4 Antworten zu “Man kann nicht 52 mal hintereinander eine schlechte Kurzgeschichte schreiben (3)

    • Danke für die Blumen. Da es immer ein shitty-first-draft ist, bin ich ganz entspannt. Sicher könnte man noch etwas verbessern. Der Seminarleitung einen passenden Namen geben, vielleicht. Oder die Leute mehr vom Aussehen her beschreiben. Obwohl mir eigentlich immer das Verhalten wichtiger ist. Ob Ilsegard nun knallrot gefärbte Haare mit einem weißen Haaransatz zeigt oder Dorothee ganz in Schwarz daher kommt, das ist mir nicht so wichtig. Klar, ich könnte noch den Geruch der Räucherstäbchen spezifizieren. Oder Dorothees Silberarmbänder und Charme-Anhänger klingeln und die Meditationsstille unterbrechen lassen … Aber wie gesagt, ein erster Entwurf. Die Zeit drängte.

  1. das war doch mal ein richtig gutes seminar… Meine mutter haette sicher interesse, die war mal auf einem selbigen (hingeschleppt von einer ehem. klassenkameradin). leider ohne drachen und buecher , dafuer zogen aber jede menge magische kristalle und heilsteine ein… genutzt hat’s irgendwie nix, wir sind immer noch vom pech verfolgt :o)))

  2. Und ich dachte immer, diese Eso-Seminare seien ausgestorben (zumindest, seitdem ich sowas nicht mehr frequentiere)
    Wobei …. Chakrenarbeit ist eigentlich gar nicht verkehrt.
    LG Sabienes

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