Short-Story 2017 1/52 (noch fehlendes Update zur ersten Woche des Neues-Jahr)

Es ist nun doch keine Supermarkt-Horror-Geschichte geworden … Sondern eine kleine Liebesgeschichte. 2017 kann ich ja mal gemächlich beginnen. Achtung, dies ist „the shitty first draft“ bzw. heute the second- frei nach Hemingway – (der soll mal gefragt haben: Don’t we all write shitty first drafts), heute, kurz nach Mitternacht geschrieben, mit leichter Überarbeitung heute, wo ich wieder wacher bin:

Man kann nicht 52 mal hintereinander Pech haben

Das war nun schon das 49. Date gewesen. Wieder mal ein Kerl, der nur ein Thema am ganzen Abend kannte. War es mal nicht sein Job, waren es seine sportlichen Höchstleistungen im Studio, im Stadion, auf der Straße oder im Bett. Keiner hatte auch nur einmal gefragt, was sie interessierte, was sie machte, oder auch nur, worüber sie sich gerne unterhalten würde.

Dabei waren ihre Interessen weit gefächert: Fußball, Kochen, Literatur, Historisches, Science-Fiction, Ökologisches, Politisches (lokal oder weltweit), Kunst. Doch keines ihrer Dates ließ sich darüber aus. Obwohl alle angeblich gerne lasen, so jedenfalls stand es im jeweiligen Profil, hatte sich noch keiner mit ihr über Bücher unterhalten. Oder auch nur über die Vor- bzw. Nachteile eines e-book-readers diskutiert. Obwohl alle angeblich vielseitig interessiert waren, sprachen sie nur von sich, und dann nur von einem Aspekt ihres Lebens. Wenn tatsächlich mal ein echter Freizeit-Fußballer dabei war, ließ er ihre Äußerungen nicht mal gelten, weil sie ja nur eine Frau war.

Dani hätte das Projekt gerne hier abgebrochen, es war schon Anfang Dezember, ein ruhiges Plätzchen für ein Date zu finden wurde immer schwieriger wegen der vielen Weihnachtsfeier. Es war doch albern, an der Zahl 52 fest zu halten.

Aber sie hatte sich nun mal am Jahresanfang vorgenommen, sich in 52 Wochen auf ebensoviele Dates zu begeben, es sei denn, ihr wäre dabei einer begegnet, der das überflüssig gemacht hätte. Man kann doch nicht 52 mal hintereinander Pech haben. Sie hatte sich deswegen bei „Blind Dates“ registriert, weil sie nicht auf irgendein manipuliertes Foto herein fallen wollte. Es war ihr natürlich bewusst, dass auch die Profile gelogen sein konnten, aber die App hatte ja zum Ziel, sich möglichst schnell irgendwo zu treffen und mal zu schauen, ob die Chemie stimmte. Sie stimmte nicht. Jetzt schon 49 mal nicht. Das Schicksal schien das mit dem „52 mal Pech“ in ihrem Fall als Herausforderung zu betrachten.

Sie zahlte beim Taxifahrer mit dem üblichen Zwanziger, ohne Wechselgeld. Wenigstens einer sollte an diesem Abend Grund zur Freude haben.

Der heutige Fahrer hatte sie schon viele Male gefahren in den letzten 49 Wochen. Sie hatte immer ein Taxi genommen, weil sie fürchtete, die nie gut ausgegangenen Dates würden sonst beim gemeinsamen Warten auf die Bahn unnötig verlängert.

Heute verabschiedete sie sich aus einer Laune heraus mal nicht mit dem Wunsch, er möge noch gute Fahrten diese Nacht haben.

„Jetzt fahre ich noch dreimal, und dann nimmermehr!“ rutschte es ihr stattdessen heraus. Vielleicht hätte sie den Sekt auslassen sollen, der heute Abend getrunken wurde (sie bestand IMMER auf eine Teilung der Spesen, um sich nicht anhören zu müssen, sie würde die Männer ausnehmen). Aber manche Dates waren mit ein wenig Alkohol einfach leichter zu ertragen.

Der Fahrer jedenfalls guckte bei dieser Verabschiedung komisch. Naja, was sollte er auch denken von ihr. Er hatte sie mal gefragt, ob sie so spät noch arbeiten würde, weil er sie so regelmäßig fuhr, da hatte sie ihm gesagt, dass sie einen Neujahrsvorsatz umsetzen würde und mit einer noch recht unbekannten Dating App ihren Marktwert testete. Nun, er schien nicht besonders hoch zu sein.

Als sie in der nächsten Woche, nach eine, wieder sehr zähen Abend, wieder ins Taxi stieg, wieder derselbe Fahrer, fragte er: „Was macht mein Reh, was macht mein Kind?“

Sie musste lächeln. Er hatte ihr zugehört letzte Woche. „Jetzt fahr ich noch zweimal …“

Und er fiel ein: „und dann nimmermehr!“

Aus seinem Radio erklang ein Titel aus der Till-Brönner-Show auf Klassik-Radio Es fiel ihr erst jetzt auf, dass sei heimlich gehofft hatte, auf ihrem Weg vom Steakhaus zum Taxi-Platz, dass genau dieser Fahrer vorne stand. Es wurde ihr bewusst, dass sie sich in seinem Taxi schon vorkam, als sei sie wieder in die beruhigende, ruhige Welt ihrer eigenen Wohnung zurück gekehrt.

„Wissen Sie, seit 50 Wochen schon treffe ich mich jede Woche mit einer neuen Verabredung. Nie, wirklich nicht einmal, habe ich mich dabei auch nur annähernd so wohl gefühlt wie in Ihrem Taxi!“

Er lächelte kurz zu ihr rüber.

Viel zu schnell waren sie vor ihrer Haustür. Sie reichte ihm den Zwanziger mit dem üblichen „stimmt so“. Nur dieses Mal fügte sie hinzu „und vielen Dank für die schöne Fahrt!“

In der Woche vor Weihnachten ergab sich kein Date. Jeder war zu beschäftigt so kurz vor dem Fest. Eigentlich sollte sie sich erleichtert fühlen, endlich mal wieder diesen Abend daheim zu haben, doch irgendwas ließ sie unruhig werden. Schließlich ging es ihr auf! Schnell zog sie sich um, stylte sich nett, nahm die Bahn, wenn auch später als sonst, wich einigen Besoffenen und einigen Weihnachtsmarktspätbesuchern aus und kam schließlich zur gewohnten Zeit am Taxi-Stand an. Gerade sah sie „ihren“ Fahrer an die erste Position rollen, lächelte und stöckelte in seine Richtung, als aus einer Kneipe kurz vor ihr zwei Business-Typen heraus kamen, mühelos vor ihr das Taxi erreichten und drin saßen, als sie ankam.

Heute würde es keine Till-Brönner-Show im Taxi für sie geben. Das nächste Taxi rollte heran, aber sie ging mit hängenden Schultern zur Bahn und fuhr nach Hause.

Zum nächsten Date ging sie nur, weil es das letzte war. Wie immer war sie ein paar Minuten zu früh, sie legte ihr Erkennungszeichen neben sich auf den Tisch und wartete auf das Blind Date. Wie dieser „Bruder Grimm“ wohl aussah? Bestimmt sehr grimmig. Er hatte sich gerade frisch angemeldet – vermutlich ein besonders Schneller mit den Neujahrsvorsätzen.

Die Tür der kleinen Eckkneipe ging auf und „ihr“ Taxifahrer trat ein. Ihr Herz pochte. Nein, nicht gerade hier, nicht gerade jetzt! Konnte er ihr nicht nach diesem Date begegnen, das doch sowieso zu nichts führen würde?

Er kam direkt auf sie zu und lächelte. Dann legte er ein Buch auf den Tisch:. „Gesammelte Märchen der Gebrüder Grimm“. Das Erkennungszeichen! Sie sah auf, sah sein Lächeln und begriff. Man kann doch nicht 52 mal Pech haben.

 

 

 

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8 Antworten zu “Short-Story 2017 1/52 (noch fehlendes Update zur ersten Woche des Neues-Jahr)

  1. Not shitty at all! Hat mir sehr gut gefallen 🙂

  2. Ich liebe Taxigeschichten.. so.. jetzt is es raus…
    und die Doku Karma Taxi… seufz.
    Schönen Abend
    Gruss S.

  3. A aus H an der L

    Oh wie schön! Und dann auch noch Zitate aus einem meiner Lieblingsmärchen!

    • Wusste ich gar nicht, sieh mal an. Ich habe dieses Märchen nur noch bruchstückhaft in Erinnerung. Ist halt schon her, dass ich mal Grimms gelesen habe.

      • A aus H an der L

        Das Motiv mit dem „.. jetzt komme ich noch x mal und dann nimmer mehr“ gibt es in mehr als einem Märchen, soweit ich mich erinnere. Aber das mit dem Reh, das ist aus „Brüderchen und Schwesterchen“ sein. Wo der überaus durstige Knabe aus der dritten Quelle trinkt und zu einem Reh wird. Das Reh gejagt wird und beim dritten Mal verwundet. Der Prinz verfolgt das Reh, findet die Schwester. Heirat. Kind. Irgendwer tötet das Schwesterchen, das als Geist dreimal wiederkommt, jedesmal die Magd fragt: „Was macht mein Reh? Was macht mein Kind?“ Beim letzten Mal (dritten) ist der König endlich mal wach, erkennt sie. Erlösung, Happy End. schluchz

      • Oh, ich wusste natürlich, woher das Zitat kommt, ich wusste nur nicht, dass es dein Lieblingsmärchen ist!

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