Punkt,Punkt, Punkt – (45) – Décollagen

 

Ich bin ja ein Kulturbanause, zumindest stecke ich nicht drin im Jargon und musste erst mal nachlesen, was eine Décollage denn überhaupt ist:

Wikipedia hat eine Definition für mich:

Décollage (frz.: décoller = abheben, losmachen, trennen, abkratzen) bezeichnet eine künstlerische Technik der 1950er und 1960er Jahre die auch als „Plakatabriss“ bezeichnet wird. Dabei werden bereits zerstörte Plakate aus dem öffentlichen Raum in ganzen Stücken oder in Streifen und Fetzen abgerissen und als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Kunstwerken verwendet.

Ach, DAS kenne ich doch. Illustrationen von Kinderbüchern der 60er fallen mir ein, oder, wenn man auf das französische Wort zurück geht, noch etwas viel einfacheres, etwas, das wir alle kennen, alle schon mal hergestellt haben, alle schon „bewundert“ haben. Bewundert in “ „, weil es etwas ist, das aus dem Kindergartenbereich uns allen bekannt ist – oder auch aus der Grundschule:

Hier wird die schwarze Farbe abgekratzt – und dadurch entsteht ein Bild.

Natürlich gibt es da ganz andere Kunstwerke:

https://www.creativ-discount.de/SALE-Kratzbild,-silber,-28,6-x-39-cm,-Taj-Mahal.htm?websale8=party-discount.creativ_web_de&pi=CRLFAM4&ci=85-5408

Aber dies it natürlich keine Décollage im engeren Sinne. Im engeren Sinne ist es das „Wiederverwerten“ abgerissener Papierstreifen für neue Kunstwerke. Wo habe ich das nur letzthin gesehen, weit vor den 50ern und 60ern?

Die Collagen von Kurt Schwitters – waren nichts anderes. Wir setzen in den 50ern ein Dé- davor und sind chic und neu – aber nein, so neu waren sie nicht.

Altmeister Schwitters dazu:

“I could see no reason why used tram tickets, bits of driftwood, buttons and old junk from attics and rubbish heaps should not serve well as materials for paintings; they suited the purpose just as well as factory-made paints… It is possible to cry out using bits of old rubbish, and that’s what I did, gluing and nailing them together.”

„Ich konnte keinen Grund sehen, warum gebrauchte Straßenbahnfahrscheine, Treibholz, Knöpfe und alter Müll von Dachböden und Müllhaufen nicht als Material für Gemälde dienen sollte; sie dienten dem Zweck genauso gut wie in Fabriken hergestellte Farben … Es ist möglich, zu schreien, in dem man Teile alten Mülls nimmt, und das ist, was ich tat, diese Teile zusammenkleben und -nageln.“

Denn letztendlich machten auch die Künstler, die die abgerissenen Plakatstreifen neu zu Kunstwerken gestalten, nichts anderes.

Hier brauchte jemand einfach nur ein neues Wort – aber das Rad neu erfunden hat er nicht.

Ach ja, und wo kam der eigentliche Erfinder her? Na, genau, Herr Schwitters wurde INHANNOVER geboren!

 

 

17 Antworten zu “Punkt,Punkt, Punkt – (45) – Décollagen

  1. Sehr interessant, den Herrn Schwitters hier anzuführen.
    Ich finde nämlich, Du hast mit dem Vergleich durchaus recht.
    Also: Daumen hoch!

    • Merci bien. Und es war eine Generation vorher, die Bilder auf der Seite, die ich zu Schwitters verlinkt habe, sind von 1919. Dadaist Schwitter hat eben auch Collagen angefertigt, nicht nur Gedichte über Anna Blume geschrieben.

  2. Liebe Frau Hunne,
    offensichtlich ist heutzutage alles nur noch ein mehr oder weniger gelungenes „Remake“!😉
    Wenn sogar 500 Stunden auf einem Stuhl zu sitzen bereits Kunst ist, wundert einen doch nicht mehr wirklich etwas, oder.
    Angenehmen Sonntag
    moni

    • Oh, ich mag moderne Kunst, allerdings sind „happenings“ für mich noch etwas schwer zu fassen. Obwohl manche Flash-Mobs durchaus etwas Künstlerisches haben und etwas „erschaffen“ – Kreativität – die Kunst, etwas zu erschaffen.
      Aber 500 Stunden auf einem Stuhl? Die sollten mal 196 Tage versuchen! Und das auf einem Pfahl:
      Daniel Baraniuk, an out-of-work 27-year-old from Gdansk, Poland set the world record for pole-sitting by sitting at the top of a 8-foot, 2 1/2 inch pole for 196 days and nights

  3. Hallo Frau Hunne,

    in Hannover scheint tatsächlich alles vorhanden zu sein, was es braucht😉. Zumindest schaffst du es erstaunlich oft, den Bogen wieder in „deine“ Stadt zu spannen und das PPP-Thema mit Beiträgen und Bildern zu bestücken. Ich war gespannt auf deinen Beitrag heute, weil ich mir dachte, dass du von der Brust ins Auge zum Thema überleitest. Auf die Kratztechnik, die ich übrigens sehr geliebt habe, mein Kratzer war oft zerbrochen, weil er sehr oft in Gebrauch war, wäre ich aber nicht gekommen.Und mit Schwitters schließt sich der Kreis dann wieder🙂.

    Liebe Grüße
    Sandra

    • Da freue ich mich ja, dass ich mit meinem Blog bereits eine Art „Marke“ entwickelt habe. Ganz gelegentlich verirre ich mich zwar auch in den Weiten des Webs und kommentiere zu etwas anderem als Hannover, aber da ich seit 2014 die Stadt nicht mehr verlassen habe (echt wahr!), und ich meinem Blognamen ja auch gerecht werden möchte, versuche ich gerade bei Punkt, Punkt, Punkt gerne, etwas zu finden, was dem schönen Ort hier gerecht wird. Also, „schön“ ist natürlich relativ. Aber so hässlich, wie Hannover beim Durchfahren erscheint, ist es wirklich nicht. Die am meisten unterschätzte Großstadt Deutschlands eben.
      Es hat schon seinen Grund, warum hier Leibniz lebte und wirkte, dass der Entschlüssler der Keilschrift. Und übrigens wurde die bekannte Wochenzeitung „Der Spiegel“ HIER gegründet … jawohl! Habe ich auch nicht gewusst.

    • Langsam frage ich mich, ob ich die Stadt Hannover nicht um einen kleinen Unkostenbeitrag für diesen Blog hier bitten sollte – dann könnte ich nämlich ein bezahltes Blog, ohne Werbung, mit unbegrenztem Bildspeicherplatz, führen. Nicht diese Billigversion hier, wo ich mir die Bilder oft schenke und nur verlinke. Oder Euch wieder einen youtube-Clip zumute …

  4. Einer der Gründe, warum ich auf Blogparaden stehe ist, neue Blogs, deren Betreiber und auch etwas aus ihrem Umfeld zu erfahren. Ich bin sicher, das es bei jedem noch etwas mehr herauszukitzeln gibt und bin guter Dinge, das wir auch im kommenden Jahr PPP noch einmal mit 52 Themen füllen können. Vielleicht auch eines, an dem du ein wenig mehr über die Erstausgabe des Blattes am 4. Januar 1947 erzählen kannst.
    Ja, ich habe mich gerade schon wieder schlau gemacht. Läuft, würde ich sagen.

  5. Oh, ich erinnere mich noch gut daran, wie ich früher selbst Buntes unter einer schwarzen Wachsmalkreidendecke hervorspitzen ließ. Ist eine tolle Technik.
    LG Iris

    • Ist zwar nicht das, was 1900 inne 50er von dem „Erfinder“ der Technik als Décollage angedacht wurde, aber vom Wortsinne kommt es auch wieder hin. Durch Zerstören wird Neues geschaffen.

  6. Interessant, aber der Unterschied zwischen Collage und Décollage ist mir jetzt nicht mehr so klar….;-)
    Schwitters hab ich in der Schule geliebt, und seitenweise eigene Gagagedichte, wie die anderen sie nannten, geschrieben. Leider alle weg, aber noch heute kommen manchmal „so komische“ Texte in meinen Werken vor….Vielleicht ja ein Relikt aus alten Zeiten, das ich bewusst aber noch nie damit in Zusammenhang gebracht habe…:-)
    LG Sabine

    • Eine Collage kann aus allem bestehen, eine Décollage eben vor allem aus Abrissen von Plakaten, die dann künstlerisch weiter verarbeitet wurden.

      Oder, wenn ich das nicht völlig missverstanden habe, aus dem Rest Nichtabgerissenen.

      Aber ich bin kein Kunsterxperte. Man müsste die Herzogin von Cambridge fragen, die hat, wenn ich nicht irre, mal Kunstgeschichte studiert. Aber ich habe leider „ihre Nummer verlegt“ *nein, ich hatte sie nie, ich kenne die Dame nicht!*

  7. Dieser Wikipedia-Artikel ist ja in dieser Woche die Nummer 1 gewesen!😉
    Ich kannte den Begriff auch nicht und ich kann mich auch nicht erinnern, jemals eine Decollage gesehen zu haben.
    Dafür kenne ich aber Kratztechnik, als Kind habe ich das ganz oft gemacht.
    Schön, einmal wieder etwas dazu zu lesen und zu sehen!
    Eine wundervolle Woche!
    LG Sabienes

    • Ich glaube, du kannst dich an die Decollagen nur nicht erinnern – sie sind halt abstrakt und das prägt sich meist nicht sehr gut ein – und ihre Hoch-Zeit war war mehr so in den 60ern. Ich kenne sie aus Buchillustrationen – und weil ich in den späten 60ern geboren bin und als Kind viele Bücher aus den 60ern in der Hand hielt …

  8. Guten Morgen, Frau Hunne,

    die Technik, die du uns als Décolage präsentierst, gefiel mir schon in meinen eigenen Schulzeiten. Auch meine Schülerinnen und Schüler waren jeweils begeistert, wenn sie „décollagieren“ durften.
    Begeistert bin ich auch – langsam aber sicher – von deiner Stadt Hannover. Ich fühle mich schon ziemlich „heimisch“.

    Bis Sonntag eine gute Zeit!
    Barbara

    • Leider wird’s nichts mit der guten Zeit – ziehe mich gerade krank ins Bett zurück …
      Freut mich, dass ich meine eigene Begeisterung zu Hannover langsam aber sicher an Euch weitergeben kann. Diese Stadt ist spröde und schmeisst sich nicht gleich an den Hals – aber es hat schon Gründe, warum sie jedes Jahr mehr Besucher anzieht! Und warum Hannovers Einwohnerzahl von 2011 – 506.000 auf 2015 – 532.000 geklettert ist. Das waren nicht alles Flüchtlinge😉 Wir haben auch eine steigende Geburtenrate (von 2012 auf 2014 20 % mehr – auf 8600).
      Hier leben eine Vielzahl von Nationen meist friedlich miteinander. Das liegt auch daran, dass wir eine Messestadt sind. Und nun habe ich auch eine Idee, was ich zum Thema diese Woche schreibe😉

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