ca. 1500 Gegenbeweise

Als ich mit Postcrossing begann und anderen Leuten davon erzählte, war ich entweder nicht in der Lage, Postcrossing richtig darzustellen, oder die Leute haben mich missverstehen wollen.

Sie dachten alle, dass Postcrossing sich wie die Kettenbriefe früherer Zeit anhörten – man schickt eine Karte weg und soll dann Karten zurück bekommen?

Ich bin noch immer dabei! Auch wenn ich mal einen Durchhänger hatte, wo ich weniger Karten schrieb. Aber ganz aufgegeben habe ich es nie. Und registriert habe ich immer, auch wenn ich selber wenig verschickt habe.

Ich kann daher all die Skeptiker beruhigen. Postcrossing funktioniert. Meist. Immerhin habe ich tatsächlich 1501 registrierte Karten (also Karten, die ich andere Projektteilnehmer verschickte) und selber auch etliche bekommen – 1470 – das ist keine schlechte Quote! Wenn bei der Masse und den weltweiten Teilnehmern auch die eine oder andere verschickte Karte nicht registriert wurde bzw. nicht ankam, dann ist das bei der Masse an versandten/empfangenen Karten sicher nicht wirklich relevant. Derzeit sind noch 19 offen, die im Laufe der letzten 365 bis 60 Tage gesendet wurden, einige, die noch länger unterwegs sind, können dann nicht mehr registriert werden, und von den gerade in der 60 Tage-Frist befindlichen wird vielleicht auch nicht jede ankommen. Derzeit laufen noch 35 von 39 möglichen.

Jetzt aber kann ich erstmal 1501 Gegenbeweise antreten – 1501 mal hat das Projekt für meine Adressaten funktioniert. Und ich selber habe eben auch fast soviele Postkarten selber bekommen. Das sind allein auf meinem Konto 2971 Gegenbeweise. Was mehr kann ich sagen? Kein Schneeballsystem. Kein Kettenbrief. Aber 2971 mal Freude.

Fazit bisher:

Die Veganer/Vegetarier bestätigen alle Vorurteile:

Spätestens nach dem 5. Satz im Profil weiß man, welche Ernährungsgewohnheiten ein Veganer/Vegetarier hat. Liebe Leute, wenn Ihr nur vegane oder vegetarische Rezepte wollt, schreibt das unter die Kategorie: Bitte nur v. Rezepte, wenn Ihr mir ein Rezept schicken wollt.

Ansonsten, wenn Euch an Rezepten eh nicht gelegen ist, warum tischt Ihr Eure Essgewohnheiten den Leuten auf, die Euch nicht zum Essen einladen? Ich muss es nicht verstehen. Es ist schließlich auch so, dass inzwischen die Gay- und Lesben-Community gelernt hat, dass nicht jeder die sexuellen Vorlieben des anderen wissen will – es sei denn, man ist an Sex interessiert. Man muss sich nicht über die Veggie-Eigenschaft definieren, Ihr seid mehr als Euer Essen. Ich bin schließlich auch nicht vor allem ein Flexitarier. Sondern nur unter anderem.

Diese Gruppe an Postcrossern ist momentan echt mein Pet-Peeve. Wie kann man nur so ein Klischee leben?

Die Männer, Frauen, die gern einen unbekleideten Menschen auf einer Postkarte sehen, die stören mich dagegen überhaupt nicht. Ich schicke solche Postkarten nur an Postcrosser, die sich AUSDRÜCKLICH so eine Postkarte wünschen. Schließlich sind auch religiöse Leute, oder sehr junge Leute unter den Postcrossern – gerade habe ich einem 6jährigen Mädchen geschrieben (da überwacht Mama die Post, keine Sorge, die ist nicht dem Internet allein ausgesetzt!) Dem Kind schickte ich natürlich eine andere Karte. (Ich meine mich zu erinnern, es war eine aus der Sesamstraße.)

Ähnlich wie die Leute, die einem die eigene Essweise geradezu entgegen schieben, geht es mir mit sehr religiösen Leuten – ich akzeptiere, dass Leute das Thema Religion anders sehen als ich, aber ich möchte von missionarischem Eifer verschont bleiben. Ich versende keine Religions-Cartoons an Gläubige, das gehört sich nicht, Postcrossing soll allen Freude machen. Aber ich dränge auch keinem Andersgläubigen Relikte meiner Religionsgemeinschaft auf (der ich mich eher aus sozialen Aspekten verbunden fühle, denn aus religiösen).

Was mir auch auf den Senkel geht, sind die Briefmarkensammler, die zum Ausdruck bringen, dass ihnen die Marke wichtiger ist als die Karte. Falsches Projekt, Leute … Ihr wollt eine Briefmarkentauschbörse, keine Postkarte mit freundlichen Grüßen.

Leute, die NUR Karten „akzeptieren“, die ihre ganz speziellen Vorlieben widerspiegeln und sich dementsprechend fordernd äußern, sind auch nicht gerade meine Lieblingsadressaten. Und ich schäme mich für Deutsche Postcrosser, die geradezu unverschämt ihre Vorlieben einfordern. Das geht auch diplomatischer. Es soll ja jeder seine Vorlieben mitteilen. Die meisten Postcrosser reißen sich ein Bein aus, um Wünsche zu erfüllen. Aber muss ich mich äußern, als würde ich ein kaiserliches Dekret verfassen?

Was schreibe ich nun so auf die Postkarten?

Entweder schreibe ich über die Karte. Mit Hannover-Motiven oder anderen Motiven aus Deutschland ist das einfach, wo ich nicht weiter weiß, hilft Wikipedia.

Oder ich schreibe von mir (da ist nicht viel Platz auf der Postkarte, auch nicht bei meiner kleinen Schrift, da kann ich sehr allgemein bleiben). Meine beiden Katzen erwähne ich gern, dass ich sie vom Tierschutz habe, wenn ich den Eindruck habe, Haustiere bedeuten dem anderen Postcrosser auch etwas. Oder, wenn das Thema Lesen angesprochen wurde im Profil, was ich so lese oder gerade gelesen habe. Oder auch schon mal, dass ich kein Auto habe. Oder wenig fern sehe – nicht NICHT fern sehe. Nur selten.

Am Schwierigsten ist es sicherlich, einem chinesischen Postcrosser zu schreiben, der kein Englisch als Sprache angegeben hat, nur Mandarin – und der daher in seinem Profil auch nichts zu sich gesagt hat. Da schreibe ich ich dann schon mal ein paar Zeichen Mandarin. Nicht, weil ich das könnte, sondern weil ich darauf hoffe, dass ich die paar Brocken über Hannover auch aus dem Wörterbuch zusammen klauben kann. Ich sehe das als Herausforderung😉 Meist erzähle ich dann wirklich nur etwas über das Motiv auf der Karte, oder über die Stadt – meist unseren Zoo. Dann schreibe ich auch größer, weil mir die Zeichen sehr schwer fallen und ich lieber größere Zeichen versuche.

Manchmal schreibe ich nur die Adresse in Mandarin – oder versuche es zumindest. Sehr lustig, und ich möchte nicht wissen, was die Leute denken, die das sehen (der chinesische Postmensch) und NICHT wissen, dass ich eine Westeuropäerin ohne Chinesisch-Kenntnisse bin.

Selten teile ich mal ein Rezept mit – wenn die andere Person selber gern kocht und nicht gerade Veganer ist (vegetarisch bekomme ich hin, aber OHNE EI ODER MILCHPRODUKTE – nope).

Also – irgendwas findet sich immer, was man schreiben kann und es muss nicht nur „Happy Postcrossing“ und die ID-Nummer der Postkarte sein.

Ich halte mich selbstverständlich mit meinem politischen Standpunkt zurück, wenn ich eine Karte schreibe, vor allem, wenn ich eine ins Ausland schreibe. Es gehört sich nicht. Und glücklicherweise sehen das die anderen Postcrosser genauso. Einzelne wünschen sich sozialistische Propaganda-Postkarten – aber vielleicht eher wegen des Motivs, als wegen der Propaganda. Und eine Postcrosserin hat mal um eine politische Stellungnahme gebeten. Das habe ich dann per System-Nachricht erledigt, nicht auf der Postkarte.

Letzthin habe ich mir, um endlich von diesen verdammten Priority-Aufklebern bei der Post wegzukommen (die ich immer erbetteln muss und meist nicht genug davon bekomme), einen Stempel zugelegt. Einen Air Mail Stempel mit einem Brief mit Flügeln dran, zweifarbiger Stempeldruck … Ja, manchmal bin ich ein Spielkind.

Billig ist das Hobby nicht. Und dabei nutze ich schon Postkartenbücher, Postkartenkalender und manchmal auch, wenn es gerade sehr gut passt, Werbepostkarten. Aber dann gibt es eben doch Postkarten, die man nur im Schreibwarengeschäft bekommt, oder welche mit besonderem Format (ich rede von Euch- GEO-Postkarten) – oder die wunderhübschen Fair-Trade-Postkarten. Und außerdem halten Museumsshops auch immer wieder sehr ansehnliche Karten bereit.

Aber für jede Auslandskarte fällt derzeit 90 Cent als Porto an, will man ausnahmsweise mal eine Nicht-Standard-Format-Karte versenden (und die GEO-Karten gelten noch als Standard!), wird es richtig teuer (3,45) ins Ausland, sogar in Deutschland ist man dann (derzeit) mit 1,45 dabei. Daher sind die meisten meiner Karten natürlich Standardformatkarten. Manche möchten aber auch nur solche – das ist ok.

Alles in allem – in meinem Briefkasten trifft sich immer noch die Welt. Und das ist schön.

 

 

 

 

7 Antworten zu “ca. 1500 Gegenbeweise

  1. Trading postcards, or having pen-pals that still use „snail mail,“ is fun. I miss the people that I used to actually write long letters to, before email made it easier for people to just fire off a thought, without much thought.

    Long letters used to be detailed…now, people are into the 140 character-limit of Twitter, or want emails to be 500 words or less – they forget that „character“ also refers to the spaces and punctuation necessary for proper communication.

    I agree with you – too many are invested in living a cliché or in cliques…getting out of their tiny circles is frightening for them, it appears.🙂

  2. Man könnt auch was drauf malen, also speziell bei exotischen Sprachen.🙂

  3. „Ich bin schließlich auch nicht vor allem ein Flexitarier. Sondern nur unter anderem.“ Top.

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