Punkt, Punkt, Punkt – (4) – Friedhöfe

Klar, auch ich bin ein großer Fan von historischen Friedhöfen. Und dieses Mal kann ich sogar was Bloggerechtes dazu beitragen  – denn hier in Hannover gibt es diese auch.

Der eine ist der Gartenfriedhof an der  Gartenkirche (so benannt, weil das mal die Gärtengegend vor dem Aegidientor, außerhalb der Stadtmauer, war). Dort ist die Dame bestattet, die Goethe für Werthers Lotte als Vorbild diente, Charlotte Kestner.

Außerdem eine Wissenschaftlerin (Astronomin, das sind die mit den Tele- nicht die mit den Horoskopen), Caroline Herschel, denn so provinziell Hannover auch ist, in Sachen Wissenschaft sind wir klein aber fein. Und Fräulein Herschel (damals sagte man noch so) wurde sogar durch die Personalunion mit England in England als wissenschaftliche Hilfskraft für 50 Pfund im Jahr angestellt. Eine FRAU – nicht als Gouvernante, Schneiderin, Haushälterin (das war sie auch, für ihren Bruder, der Uranus entdeckte, aber unbezahlt) oder etwas zwielichtig als Künstlerin am Theater oder in der Oper, sondern als Wissenschaftlerin! Und Ende des 18 Jahrhunderts waren 50 Pfund für eine Frau im Jahr ein fürstliches Gehalt – zum Vergleich: Als Gouvernante hätte sie zwischen 10 und 20 Pfund erhalten.

Später, lange nach ihrer Rückkehr nach Hannover, wurde sie sogar zum Ehrenmitglied der Royal Astronomical Society.

Der Gartenfriedhof ist ein nur noch sehr kleiner Friedhof, trotzdem finden sich dort auch einige Kuriositäten versteckt:

Das Grab des Mathematiklehrers. Nein, nicht mit dem Heinz Ehrhardt Spruch („er rechnete mit vielen Brüchen, nur mit diesem Bruche nicht“). Sondern von seinen dankbaren Schülerinnen errichtet! Welcher Mathematiklehrer kann heute noch dankbare Schülerinnen dieser Art nachweisen?

Die tatsächliche Inschrift:

„Ruht sanft nun hier im Tod vereint
Viel Kindesliebe Still beweint,
Und vielen noch ein Segen.
Wir ziehn euch nach im Erdenlauf
Zum Himmelsfrieden dort hinauf,
Dem Wiedersehn entgegen.“

Im Volksmund ist jedoch auch dieser Grabspruch entstanden:

„Des Rechnens müde lieg’ ich jetzt im Grabe
und werde in die Brüche gehen;
wenn ich mich nicht verrechnet habe,
dann werd’ ich dereinst auferstehen!“

Soetwas Despektierliches würde aber natürlich im 19. Jahrhundert niemand auf einen Grabstein gemeißelt haben. Auf einen übrigens sehr imposanten Grabstein – das Ding ist FÜNF METER hoch.

Eine weitere Kuriosität ist das Geöffnete Grab (allerdings gibt es dergleichen öfter auf Friedhöfen!) Als Text hierzu habe ich auf eine Seite mit alten Postkarten verlinkt, dort ist auch dieses Grab beschrieben.

Das Grab von Henriette Juliane Caroline von Rüling (1756–1782) trägt die Inschrift: „Dieses auf ewig gekaufte Begräbnis darf niemals geöffnet werden.“ Doch der Mensch denkt … und eine kleine Birke wächst einfach frech zwischen Sockel und Stein – und öffnete so das Grab. Der Baum ist erst 2010 gefällt worden (weil er krank und morsch war).

Und dann haben wir auf diesem Friedhof auch ein „Menschenfresser-Grab“ – nein, nicht Haarmann, der wurde erst hingerichtet, als dieser Friedhof schon lange geschlossen war.

Nein, dieses Grab gehörte einem Hannoverschen Grundstücksspekulanten. „Die Seinigen“ ließen an seinem Grab einen klassischen Obelisken errichten. Dieser Grabstein trägt die Aufschrift Heinr. Andreas Jakob Lutz.

Nun ist so ein Obelisk ein schmales Ding – daher passte Andreas nicht in eine Zeile … Man schrieb also

Heinr.

Andre

as

Jakob

Lutz

Und weil sich die Rechtschreibung noch nicht so durchgesetzt hatte … wurde as eben als aß gelesen. So lasen Leute, die den Mann nicht kannten: Heinrich Andre aß Jakob Lutz.

Auf diesem Friedhof gibt es Führungen, die die einzelnen Gräber näher erläutern. Eine solche habe ich in den 90ern mitgemacht (also, ca. vor 20 Jahren).

Und nun wollt Ihr auch noch ein Bild, ich weiß es doch …

Nur – ich habe heute kein Bild für Euch – ich habe Bilder vom ebenfalls nur noch als Park existierenden Lindener Friedhof, aber keine vom Gartenfriedhof auf meiner Festplatte. Ich könnte Euch jetzt also ein Foto um des Fotos willen bringen – oder diesen Beitrag einfach mal punktuell ohne Foto stehen lassen. Dafür gibt es ja genügend Links im Beitrag, wenn Ihr was sehen wollt.

 

 

 

 

 

29 Antworten zu “Punkt, Punkt, Punkt – (4) – Friedhöfe

  1. So, jetzt hast Du mich angefixt. Ich will unbedingt mal den von Dir so wunderbar beschriebenen Friedhof sehen.

  2. Hallo Frau Hunne,

    danke für den interessanten Beitrag zum Friedhof und den Besonderheiten einzelner Gräber. Ich habe tatsächlich zuerst an Haarmann gedacht, aber die Geschichte vom Obelisken gefällt mir deutlich besser als vom „Fritze“. Ich bekomme noch immer eine Gänsehaut bei dem Spruch um sein Beilchen. Der Volksmund-Spruch zum Mathematiker gefällt mir auch sehr gut😉.

    Liebe Grüße
    Sandra

  3. Das sind ja tolle Grabgeschichten! Es gibt auf Friedhöfen wirklich so viel mehr zu entdekcne, als es den Anschein hat.
    LG Iris

  4. Hallo Frau Hunne,
    Klasse Artikel, so viele interessante „Spezialitäten“ rund ums Grab! Besonders die Grabsprüche sind zum Teil schon etwas gewöhnungsbedürftig, gell. Aber warum nicht auch noch angesichts des Todes ein Lächeln tragen?
    Hab einen feinen Sonntag,
    herzlichst moni

  5. Ein interessanter Beitrag. Zu gerne hätte ich deine Fotos hiervon gesehen, aber vielleicht findest du sie ja noch mal wieder oder machst einfach mal neue.
    lg

    • Lustigerweise arbeite ich in der Nähe („ein paar – ca. 90 – Häuser weiter“) -und habe immer eine kleine Schnappschuss-Digicam dabei. Aber wenn ich im Winter von der Arbeit komme, ist es stockfinster, da treibe ich mich nicht in Parks herum.

  6. Das war einfach spitze so viel interessantes und kurioses zu lesen :o) Wer sagt auf Friedhoefen ist alles tot, der post hier war sehr lebendig, Danke!!!
    ps: denke nicht dass ich fuer meinen mathelehrer was spendieren wuerde…:o)

  7. Ja, auf diesen Friedhöfen kann man natürlich gut die berühmt oder berüchtigten, und mehr oder weniger bekannten Söhne und Töchter einer Stadt entdecken. Das ginge zwar auch ohne Friedhof, aber interessant ist es schon!
    Ich bin gespannt was passiert, wenn ich das nächste Mal an einem Friedhof vorbeikomme. Irgendwas hat das Thema hier ja sicher mit mir gemacht…🙂

    LG Sabine

    • Wie gesagt, ich kann dich gut verstehen, wenn du für dich selber gegen einen Friedhof entschieden hast. Und ich fand deinen friedlichen Innenhöfe SEHR originell UND SEHR ansprechend!

  8. Hallo Frau Hunne,
    wow, was für ein ausführlicher und interessanter Beitrag, vielen Dank! 50 Pfund im Jahr, das klingt echt wenig, aber 10-20Pfund für Kindermädchen, wie konnten die denn leben?
    Beim Menschenfressergrab musste ich herzhaft schmunzeln, als ich es dann verstanden hatte🙂
    LG Claudia

    • Die Gouvernanten lebten in der Familie, d.h. Kost und Logis hatten sie frei, meist war auch noch ein neues Kleid pro Jahr drin. Man nähte viel selbst, war nicht so modebewusst, Zeit zum Verreisen hatte man auch nicht und man las auch viele Bücher aus Leihbüchereien. Schließlich hatte so eine Gouvernante (übrigens kein Kindermädchen, die bekamen weniger!), wenn sie Glück hatte, ein eigenes Zimmer, wenn sie Pech hatte, teilte sie sich ihr Zimmer mit einem Stubenmädchen und wurden teilweise noch als zweites Dienstmädchen eingesetzt. Englische Dienstboten wurden nicht reich bei ihren Dienstherren. Und die Arbeit war hart. Aber man identifizierte (schon wieder f-Probleme) sich mit „seiner“ Familie. Es war eine bessere Arbeit als in einer der Spinnereien oder im Bergwerk (wo viele Kinder arbeiteten!), und nicht erst seit Dickens wissen wir, dass Kinderarbeit bei Schornsteinfegern brutal und lebensgefährlich war! Da war eine Arbeit in einem „vornehmen“ Haus mit sauberer Kleidung und regelmäßigen Mahlzeiten bei weitem vorzuziehen, auch wenn sie noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Wasser schleppen für die Bäder (und das Dreckwasser wieder rausschleppen), stundenlanges Bettenmachen und mühevolles Weißnähen erforderten. Die Stelle von Caroline als Gehilffin ihres Bruders war dagegen Luxus!

  9. Auch wenn ich kein Friedhof mag, hat mich der Artikel zum geöffneten Grab angelockt und gleich gelesen. Das wusste ich noch nicht. Aber sehr schöner Artikel mit vielen Informationen.

  10. Schade, dass ich denn vor vielen Jahren nicht mehr Zeit hätte die GartenFriedhof in Hannover zu besuchen, aber leider war ich ziemlich involviert in der EMO. It looks very interesting.

  11. I won’t ask how you renovate a cemetery. Like put everyone in a new grave or just clean the stones. If I ever revisit Hannover I will take a look.

  12. I always had some black humour. By the way today I heard Mr. Swiss laughing. He was reading my first attempt at writing a blog in German, but I must say he understood it and that is the main thing.

  13. It’s no problem. I have been married 47 years and I am the one that speaks swiss german all day. He speaks quite good english but we speak Swiss German together.

If I promise to read it, can I convince you to comment? Wenn ich verspreche, dass ich es lese, kann ich dich überzeugen, zu kommentieren?

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