101 Geschichten im Kestner-Museum

Ich habe hier schon öfter für das kleine, aber feine Kestner-Museum am Trammplatz in meiner schönen Stadt geworben. Und die Veranstaltung heute, das jährliche Museumsfest, ist ein weiterer Grund dafür.

Das Museum hat einen liebevollen Kurator für die ägyptische Sammlung, Leute, die voll Fachkenntnis und mit Hingabe ihr Fachgebiet (Münzen und Sakralkunst) oder auch die derzeitige Ausstellung zum Thema Reformation erläutern und umfasst 6000 Jahre Menschheitsgeschichte.

Museumsfest bedeutete: FREIER Eintritt, Sektempfang, freies Fingerfood, und 101 Geschichten (die maurische Version von 1001 Nacht, genauso sexy, genauso sexistisch, aber nur geringfügig deckungsgleich). Um es gleich mal hervorzuheben, der Kuchen war lecker! An die salzigen Leckereien kam ich nicht heran, nicht schnell genug, Sekt hab ich mir eh geschenkt. Aber schon der Kuchen war wirklich gut.

Zuerst schauten wir uns die momentane Ausstellung an. Die „erläuternden“ der Künstler lösten bei mir ein großes Bedürfnis nach einer Runde Bullshit-Bingo aus. Mir fehlte nur noch der Begriff „Transzendenz“.

Zu sehen war ein Plastik-Ball-Zelt als „sakraler Raum des Rückzugs und der Meditation“ … einige Plastikbroschen mit Herzen mit Flügeln … angeblich trugen sie einen Namen eines Verstorbenen, ich sah keinen. Eine Holzkugel mit Riss – wegen der Spaltung der Kirche .. Einige Objekte aus verschiedenen Materialien (Stein, Ton, Styropor, Holz) – gespalten … das einzig wirklich sehenswerte war eine kurze GIF-Installation, die sehr Monty-Pythonesque ausgefallen ist. Mit Schrödingers Katze und Stephen Hawkings … Ein weiteres Bild ließ mich mit einer Museums-unterstützerin streiten – auf einem Hintergrund der sehr an die verwaschenen Landschaften aus der Langen Nacht der Museen erinnerte, sah man einen Unterarm, hemdsärmlig – mit geballter Faust, bei der der Zeigefinger etwas abgespreizt war – klassische Haltung für eine Handfeuerwaffe. Das wollte die Mitarbeiterin darin nicht sehen. Klar kann ich meine Augen auch zuhalten und LaLaLa-singend durchs Leben gehen.

Dann gingen wir weiter, hoch zur Vorstellung der Kurzführungen. Wir entschieden uns für Fabeln bei den Ägyptern. Also, der Kurator hat einen Frontzahn im Unterkiefer eingebüßt – vielleicht hat er deshalb genuschelt. Und er ist hervorragend informiert, was in anderen Museen läuft, wo gerade renoviert wird (Leyden), wohin die Sachen derweil ausgeliehen werden (Bologna) … Nachdem er so mindestens 5 Minuten name dropping gespielt hat, kam er dann doch zum Thema. Überliefert sind nur wenige Geschichten der Ägypter, die man unter das Label Fabeln einordnen könnte. Aber auch wenige sind immerhin welche. Die ägyptischen Geschichten lassen nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen sprechen.
Die Quellenlage ist dünn, es gibt einige überlieferte Bilder, die dazu gehörenden Geschichten sind nicht überliefert.

Anschließend erkundeten wir auf eigene Faust die Münzausstellung – wunderschöne Fotos von wirklich arg mitgenommenen Münzen (nicht alle alt! – Es gibt einen Teil, der sich „Euro-Schmelze“ nennt). Die Fotos zeigen Farben, die man so nicht mit Münzen in Verbindung bringen würde. Sind aber nicht nachbearbeitet worden.

Eine Münze (Wallfahrtserinnerungsmünze der Kreuzlegung Christi) erinnerte mich und meinen Begleiter an Matisse Der Tanz.

Einige dieser Fotos würde ich mir ohne Weiteres als Kunstwerk an die Wand hängen!

Dann war es 14 Uhr, wir suchten uns ein Plätzchen für die Rahmengeschichte zur 101 Nacht – und genossen eine sehr engagiert, aber nicht theatralisch vorgetragene, grausame, frauenfeindliche und trotzdem faszinierende Geschichte.
Dann kam die Entdeckerin der Handschrift (also, die Dame, die entdeckt hat, dass es sich um eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert handelt, damit die früheste Version der 101 Geschichten) dazu, die Geschichte darzulegen – und dass die Geschichte sich natürlich auf die arabische Version mit 1001 Geschichten bezieht, die aber wiederum indische Quellen hatte!
Und schließlich wurden noch ein paar dieser durchweg frauenfeindlichen Geschichten erzählt, eine Aussage blieb mir besonders im Gedächtnis:
„Das Geschlechtsteil einer Frau ist wie ein Sattel, gehört einem Mann nur, solange er reitet.“
Es wurde von den ansässigen Damen mit stoischer Gleichmut ertragen, wohlwissend, dass ein Mann sehr schwach sein muss, wenn er solcher Art um seine Frau fürchtet.
Nachdem ich dann noch die unvermeidlichen Postkarten besorgt habe, ging es kurz vor 17 Uhr wieder nach Hause.

8 Antworten zu “101 Geschichten im Kestner-Museum

  1. Ich habe manchmal Hape Kerkelings „Hurrrz-performance“ im Kopf wenn ich mit solcher Kunst konfrontiert werde, wie in der momentanen Ausstellung beschrieben :o) Allerdings waere ich gerne bei den geschichten aus 1001 nacht dabeigewesen :o)

    • 101 Nacht! Bitteschön. Es ist nicht die bekannte Version! Es sind Geschichten, die tatsächlich von den Mauren stammen und in Spanien und Nordafrika erzählt wurden.

      • aaaah danke, jetzt hab ichs :o) das sieht man mal wieder, dass auch ne „0“ wichtig sein kann LOL

      • Nach der Übersetzerin sind es 99 neue Geschichten – und zwei sind identisch mit solchen, die bereits aus 1001 Nacht bekannt sind. Aber die Erzählerin ist immer noch eine Wesirstochter namens Shaharasad – klingt irgendwie vertraut … – und versucht immer noch zu vermeiden, nach dem Koitus vom Sultan getötet zu werden (der muss wirklich einen therapiebedürftigen Fetisch haben!)

      • LOL… das denke ich auch… vielleicht ein Fall fuer Frau Kallwas(gibts die noch?) :o)

      • Keine Ahnung, ich schau so wenig fern – 18 Uhr Sportschau – oder Rütters Hundeprofi-Show (rein zur Unterhaltung)

      • Angeblich sind es nur 17 Geschichten, also nur 15 neue (jetzt bin ich enttäuscht!) – gerade auf amazon nachgesehen.

  2. Klingt wie ein interessantes Event🙂

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