Ist es auf dem Land doch besser als in Hannover (oder jeder anderen Stadt)?

Heute in meiner Tageszeitugn (HAZ), auf der Titelseite, im unteren Teil, die Schlagzeile: „Landlust schlägt Landflucht“ Eine Langzeitstudie zeige, dass das Leben auf dem Lande unterschätzt werde.

Also, wie immer bei Studien:

erste Frage: Wer hat die Studie gemacht? Oh, das „Thünen Institut für ländliche Räume“ … klingt dem Namen nach parteiisch. Ist vom Bund gesponsort und soll bei der Förderung der ländlichen Räume beratend unterstützen … klingt sehr parteiisch.

Wer wurde befragt? Leute von VIERZEHN Dörfern bundesweit. Lassen wir das mal große Dörfer sein, die so um die 2000 Einwohner haben  … Nee, nee, nee – Elliehausen (einer der im Artikel  angeführten Orte) hat nicht mal 500 Einwohner, und ist

TADA: Bis zur Gemeindegebietsreform 1973 blieb Elliehausen selbstständig, seither gehört es als Stadtteil zu Göttingen. Heute ist der Ort vor allem eine Wohngemeinde mit einigen landwirtschaftlichen Betrieben.

Groß-Schneen, der zweite Ort in Niedersachsen, der hier angeführt wird, ist Teil einer Gemeinde (Friedland), wie viele Dörfer heutzutage.

Einwohner: 1792,(immerhin, da lag ich nicht so falsch …)

Heute profitiert die Ortschaft vor allem von ihrer günstigen Lage zum Oberzentrum Göttingen. So wurden in den letzten Jahren mehrere Wohn- und Gewerbegebiete erschlossen.

Auch die sächsische Gemeinde Ralbitz-Rosenthal hat in etwa soviele Einwohner, und liegt etwa 10 km östlich der Stadt Kamenz .

Wir haben hier also u.a. einen Teil einer Stadt, der damit auch von dessen Infrastruktur profitiert und für mich nicht wirklich mehr ein Dorf darstellt, ein Dorf, das in 13 km Entfernung zu Göttingen liegt und  offensichtlich von dieser Nähe profitiert, und ein Dorf, das wirklich ländlich zwischen Kleinstädten liegt (Kamenz, Hoyerswerda, Bautzen, alles unter 100.000 Einwohner). Wie repräsentativ diese „ländlichen“ Gemeinden für die echte Landbevölkerung sind, sei noch dahingestellt

Ich persönlich komme aus einem Dorf, das 1500 Einwohner hatte, das die nächste Kleinstadt (5000 Einwohner) in 5 km Entfernung hatte, das ca. 6 mal am Tag einen Bus gesehen hat (davon waren zwei Busse zur Schülerbeförderung) … ICH weiß daher, wovon ich spreche.

Diese „Landbevölkerung“ wurde also befragt. Wie, geht aus dem Artikel nicht hervor, in der Studie selber ist zumindest grob dargestellt, worauf der Augenmerk gerichtet ist.

„die Situation von Kindern in Dörfern, die Wohnsituation, die Landschaftswahrnehmung, die Verbreitung von Informations- und Kommunikationsmedien im Ländlichen Raum, die Erwerbschancen von Frauen und das Alltagshandeln der Menschen sowie die lokalen Pflegestrukturen, und die Handlungsspielräume lokaler Politik“

Die Analysen stützen sich auf qualitative (Gruppendiskussionen, Experteninterviews, narrative Interviews) und quantitative Interviews (Einwohnerbefragung)

Heraus kam, wenn ich meiner Zeitung trauen kann (was leider nicht immer der Fall ist, schäm dich, HAZ), dass das Leben auf dem Lande der Landbevölkerung zusagt.

Wer hätte das gedacht? Leute, die frei sind, zu wohnen, wo sie wollen, mögen den Platz, an dem sie wohnen.

Aber ist das etwa ein Zeichen dass die Landflucht gestoppt ist? Dass jetzt generell von Landlust gesprochen werden kann? WOHL KAUM. Die junge Generation, die es durchaus mag, auf dem Lande aufzuwachsen, muss ja schließlich auch Arbeit finden.

Und die Probleme für die ältere Generation bleiben: In ländlichen Gemeinden, die nicht von der Nähe zu einer Stadt wie Göttingen profitieren, ist die Mobilität stark eingschränkt, denn man braucht auf dem Land weiterhin ein Auto – und nicht für alle ist Auto fahren praktikabel, wenn das Alter zuschlägt. Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten, Unterhaltung wie Theater/Kino/Museen … alles nicht vorhanden.

In der Zeitung schreiben sie weiter, man habe dafür soziale Netzwerke im echten Leben. Und das will ich nicht klein reden, ich denke voll Dankbarkeit an die guten Nachbarn unserer Großeltern zurück. Aber wer sagt, dass Stadtbewohner diese nicht haben? Auch ich habe Freunde im echten Leben, solche auf die ich mich verlassen kann. Nur, dass ich zusätzlich mit meinen Freunden Unterhaltung der oben beschriebenen Art aufsuchen kann, dass ich nicht für jede Tüte Katzenfutter ein Auto benutzen muss und dass ich zu meinem Arzt (sollte er mal da sein, wenn ich krank bin, ich weiß auch nicht, wieso ich immer in seinem Urlaub krank werde) zu Fuß kriechen kann … Wenn es mir richtig schlecht geht, könnte ich nicht mehr Auto fahren.

Alles in allem – ist die in der Zeitung genannte Landlust nur bei denjenigen, die dort schon wohnen, festgestellt worden.

Für die meisten Stadtbewohner gilt weiterhin: Sie ziehen mit dem 1. Kind aufs Land – nur um dann festzustellen, dass sie eben nicht die Landlust empfinden. Und wenn das 1. Kind auf die weiterführende Schule geht, zieht man wieder in die Stadt, weil man die Pendelei satt hat, weil die daheim gebliebene zweite erwachsene Person dort am leichtesten auch Arbeit finden kann, weil man leichter einen Babysitter bekommt, um mal abends rauszugehen, und weil man mal ein Weinchen trinken kann und trotzdem noch nach Hause kommt. Sorry, HAZ, den „Trend Landlust“ kann ich nicht feststellen und den könnt Ihr auch nicht herbei schreiben.

Und was Hannoveraner von einem Braunschweiger Institut halten, muss ich der HAZ doch eigentlich auch nicht erklären …

Die HAZ hätte mich überzeugen können, wenn sie statistisch untermauert hätte, dass mehr Leute aufs Land ziehen, dass die Städte verwaisen und veröden …

So aber muss die Antwort auf die Titelfrage lauten – kommt darauf an, wen man fragt!

3 Antworten zu “Ist es auf dem Land doch besser als in Hannover (oder jeder anderen Stadt)?

  1. stimmt leider… wir haben seit 5 jahren keinen arzt, das heisst 18 km fahren… weiss nicht ob unsere aelteren nachbarn, die kein auto haben, das noch alles so idyllisch finden :o(

  2. Hallo.
    Interessanter Artikel. – Nachdem ich ein wenig geerbt und damit aus HartzIV gefallen war, zudem sogar noch einmal eine befristete Arbeit fand, hat es sich so ergeben, daß ich von Berlin, wo ich nicht Hartz IV gerecht lebte, mir eine Fachwerkhausbaustelle im Mecklenburgischen zulegte. Minifarming und Wochenendworkshops wollte ich mit einigen Leuten betreiben. Leider kam es anders. – Und so stand ich dann mit meinem Fachwerkhaus mitten in der Prairie. Nicht machbar auf Dauer… Zum Glück konnte ich verkaufen und übergangsweise bei meinem Sohn unterschlüpfen. – Doch das Rheinland, ohne Auto… Auch hier viele Kosten durch die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.
    Nun habe ich endlich eine Altersbleibe in Marsberg gefunden. Hartz IV gerecht; notfalls Rollitauglich und alles zu Fuß erreichbar und vorhanden. Dabei liegt die Wohnung so gut wie im Wald; auch das hat funktioniert.
    Ich habe Glück gehabt!

    Liebe Grüße,
    Frank

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